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A. S. Jerussalimskij:

Vor 55 Jahren: Ein Sieg der Völker

 

Kapitulation in Karlshorst 1945

«Berlin, 9. Mai 1945. Die ganze Welt hat auf diesen Tag gewartet. Nun ist er gekommen, der Tag des Sieges, der Hoffnung. Der entschlossene Wille unseres Volkes und der anderen Völker der Antihitlerkoalition war stärker als die diplomatischen Intrigen der Hitlergenerale und -admirale, die sich hinter den Kulissen mit den herrschenden Schichten im Westen zu einigen suchten. ...

Gestern ging die Bevölkerung Berlins, das mit den Fahnen der verbündeten Möchte geschmückt ist, auf die Straße, da sie dunkel ahnte, daß in der halb-zerstörten Hauptstadt des zerstörten Hitlerreiches etwas geschehen werde. Ungefähr zur Mittagszeit kamen auf dem Flugplatz Tempelhof der Vertreter D. D. Eisenhowers, des Oberbefehlshabers der alliierten Expeditionsstreitkräfte in Europa, Marschall der Luftstreitkräfte Englands Tedder und der Oberbefehlshaber der strategischen Luftstreitkräfte der USA General Spaatz, an. Im Namen des sowjetischen Oberkommandos wurden sie von den Generalen W. D. Sokolowski, N. E. Bersarin, S. I. Rudenko, F. J. Bokow u.a. begrüßt. Der Vertreter der französischen Armee war aus irgendeinem Grunde noch nicht angekommen.

Bald danach landete noch ein weiteres Flugzeug, aus dem in Begleitung ihrer Adjutanten Generalfeldmarschall Keitel, Generaladmiral von Friedeburg und der Generaloberst der Luftwaffe Stumpff ausstiegen. Keitel, den Marschallstab in der Hand, ging voran und schaute unwillkürlich nach rechts hinüber, wo unter den Klängen eines Militärorchesters die Empfangszeremonie für die Vertreter des alliierten Oberkommandos stattfand. Hinter Keitel schritten seine Begleiter. Sie sahen wie ergriffene Mörder oder wie Selbstmordkandidaten aus ...

Am gleichen Tage traf der Oberstkommandierende der 1. französischen Armee, General de Lattre-Tassigny, mit einem einzelnen Flugzeug in Berlin ein. Spät abends dann, um Mitternacht, fand nach ermüdender und doch freudiger Erwartung der Geladenen in Karlshorst, im grauen Gebäude der ehemaligen Militär-Ingenieurschule, die Unterzeichnungszeremonie der militärischen Kapitulation durch die Vertreter des deutschen Oberkommandos statt.

Hitler hatte einst, besessen von hemmungsloser Sucht, die Herrschaft über Europa und die ganze Welt zu erobern, erklärt: "Aber wenn wir dann auch nicht siegen können, so werden wir selbst untergehend noch die halbe Welt mit uns in den Untergang reißen ... Wir kapitulieren nicht."

Die apokalyptischen Prophezeiungen Hitlers haben die Hoffnungen des deutschen Imperialismus und Militarismus, ihrer Politiker und Ideologen, getäuscht. Der aggressionslüsterne deutsche Militarismus hat Deutschland zwar, nachdem er die halbe Welt zerstört hat, in eine ungeahnte Katastrophe geführt, aber der Kapitulation, ja sogar der bedingungslosen Kapitulation konnte er nicht entgehen. Nur in einem hat Hitler recht behalten:


Das Jahr 1945 war keine Wiederholung des Jahres 1918. Die Tatsache, daß der historische Akt der Unterzeichnung der Kapitulation dieses Mal nicht in Compiègne oder an irgendeinem anderen Ort jenseits der Grenzen Deutschlands stattfand, sondern im Herzen Deutschlands selbst, in seiner historischen Hauptstadt, in Berlin, symbolisiert gleichsam das Ausmaß des Zusammenbruchs des deutschen Imperialismus und Militarismus sowie ihres faschistischen Ablegers, aber auch der ganzen Ideologie des Krieges der Aggression. Die Kapitulation des kaiserlichen Deutschlands wurde nicht durch General Ludendorff, sondern durch den Reichstagsabgeordneten Erzberger vorgenommen, außerdem nur vor den kapitalistischen Westmächten.

Diesmal wurden der Generalfeldmarschall Keitel und die anderen Vertreter des deutschen Militarismus gezwungen, "in eigener Person" zur Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation in Berlin zu erscheinen. Die Sowjetunion war am Sieg über den faschistischen deutschen Imperialismus entscheidend beteiligt. Das ist nicht nur in rein militärischem, sondern auch in moralisch-politischem Sinne von welthistorischer Bedeutung. Die Kapitulation Hitlerdeutschlands ist ein Sieg, der für alle Völker, die für den Triumph der Ideen nationaler Freiheit, der Ideen des Friedens und der Demokratie kämpfen von hohem Interesse ist ...

Als der Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow als Vorsitzender befahl, die deutschen Delegierten hereinzuführen, herrschte im Saal tiefe Stille. Beim Eintreten schwenkte Keitel seinen Marschallstab und fühlte wahrscheinlich selbst, wie unangebracht diese Geste war, eine letzte Geste des nazistischen Militarismus, der schon zerschlagen, von der Geschichte verurteilt und der völligen Vernichtung anheimgefallen ist. Keitel war offensichtlich nervös (sein Monokel fiel einige Male aus dem Auge), aber noch immer versuchte er eine Rolle zu spielen, und wenn auch nur noch vor sich selbst. Bevor er die Urkunde unterzeichnete, machte er den Versuch, etwas zu sagen. ...

Die Rede blieb unausgesprochen, da die Geschichte schon ihr Urteil gesprochen hatte. ...

Heute geben wir uns der Freude über den Sieg hin, morgen aber müssen wir an die Struktur des Friedens denken, die Hauptaufgabe des Aufbaues. Man kann die Zukunft verschieden betrachten, eines aber bleibt unbestritten: Für den deutschen Militarismus gibt es in der Struktur des Friedens keinen Platz.»
Marschall G. K. Shukow bei der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde in Berlin-Karlshorst

Georgi Konstantinowitsch Schukow - u.a. Sieger der Schlachten von Moskau und von Berlin

Der Autor, der sowjetische Historiker Jerussalimskij, nahm als Berichterstatter der Armee-Zeitung "Krasnaja Swesda" am Akt der Kapitulation der Nazi-Wehrmacht in Berlin-Karlshorst am 8. Mai 1945 teil.

Wir entnahmen seine redaktionell gekürzten Aufzeichnungen dem Sammelband "Der deutsche Imperialismus. Geschichte und Gegenwart." Berlin 1968).