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Dr. Sigrid Wegner-Korfes:

Augenzeugin der Sippenhaft

 Wir, die Familie des Generalmajors Dr. Otto Korfes - unsere Mutter und ihre fünf Kinder - wohnten seit 1941 im Harz, seit 1942 in der Stadt Blankenburg, in der unser Vater vor dem Ersten Weltkrieg das Gymnasium besucht hatte und nun noch eine seiner Schwestern lebte. Im Frühjahr 1943, nach der Schlacht von Stalingrad, waren auch die Eltern unserer Mutter, Hermann und Eleonore Mertz von Quirnheim, aus Potsdam zu uns gezogen - sie wollten ihre jüngste Tochter, deren Mann seit Ende Januar 1943 als in Stalingrad gefallen galt, in den letzten schweren Kriegsjahren nicht allein lassen.

Am 25. Juli 1944, fünf Tage nach dem Attentatsversuch des Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf Hitler - von dem uns allen bekannt war, dass er ein sehr enger Freund unseres Onkels Albrecht Mertz von Quirnheim war - fuhr ein Wagen der Gestapo am Spätnachmittag vor und einige fremde Männer holten unsere Mutter und ihre Eltern ab und durchwühlten die Arbeitszimmer unseres Großvaters und unseres Vaters. Angeblich sollten unsere Mutter und die Großeltern zu kurzen Gesprächen nach Berlin gebracht werden. Doch mehrere Wochen lang hörten wir nichts von ihnen und warteten sehr auf sie.

Sofort nach der Verhaftung unserer Mutter und ihrer Eltern wurde eine NSV- oder Gestapobeamtin zu uns ins Haus einquartiert, um uns fünf Kinder im Alter von 11, 8, 5, 3 und 1 Jahren und unsere treue Hausangestellte llschen zu bewachen und zu beschnüffeln.

Ich selbst - die Älteste von uns fünf Mädchen (damals 11 Jahre alt) wurde im Haus der NS-Frauenschaft von drei Frauen verhört. Bevor man mich zu ihnen brachte, war es Ilschen gelungen, mich zu instruieren: "Die wollen von dir vor allen Dingen wissen", sagte sie, "wie du zu deinem Onkel Albrecht, Muttis Bruder, stehst. Den haben sie in Berlin erschossen, weil er Hitler stürzen wollte. Wenn du Gutes über ihn sagst, so holen sie euch fünf Kinder auch noch weg!" - So sagte ich bei dem Verhör, dass Onkel Albrecht - der am 20. Juli 1944 zusammen mit Stauffenberg und anderen Mitkämpfern erschossen wurde - zwar mein Lieblingsonkel war und uns und seine Eltern oft im Harz besucht hatte. Doch: wenn er unseren Führer töten wollte, so könne ich ihn nicht mehr gern haben.

Ende August 1944 erhielten wir plötzlich von dem Direktor des Blankenburger Gefängnisses die Mitteilung, dass wir unserer Mutter und den Großeltern Wäsche und Waschzeug ins Gefängnis bringen könnten. Also waren sie gar nicht in Berlin, sondern ganz in unserer Nähe eingesperrt! Von Anfang September an durfte ich unsere Mutter und die Großeltern jede Woche einmal im Gefängnis besuchen. Die Zellen sah ich nicht. Opa hackte meist - auf eigenen Wunsch - im Gefängnishof Holz und war immer sehr, sehr traurig. Mutti arbeitete meist in der Küche. In der Zelle saß sie mit einer Zigeunerin - die dann abgeholt und vergast wurde.

 Opa teilte die Zelle mit einem Kommunisten aus der Arbeitersiedlung Ösig. Als die beiden Zelleninsassen erfuhren, dass der Jüngere von ihnen - Hans Schramma - zum Tode verurteilt werden sollte, verhalf ihm Opa zur Flucht. Der Mann überlebte und bedankte sich nach dem Krieg für Opas Hilfe.

Unsere Großmutter schwor im September 1944 im Gefängnis einen Meineid: Sie habe nichts von den Attentatsversuchen bzw. den Vorbereitungen dazu ihres Sohnes und dessen politischen Anschauungen gewusst. So konnte sie zu uns Kindern zurückkehren und wohl vor allen Dingen deshalb mussten wir die Sippenhaft nicht erdulden.

Nun erfuhren wir auch, dass in Potsdam die älteste Tochter der Großeltern, Erika Dieckmann, ihr Mann, Dr. Wilhelm Dieckmann, und deren Kinder sowie in Berlin Tante Hilde, Onkel Albrechts Frau, verhaftet worden waren. Dann kam die Nachricht, dass Onkel Wilhelm Dieckmann in Moabit in der Haft ums Leben gekommen war. Der Sohn von Onkel Albrecht aus erster Ehe, unser Vetter Peter, wurde von seinem Stiefvater Bachert kurz nach dem 20. Juli adoptiert - so blieb ihm im Unterschied zu den anderen Vettern und Cousinen das Kinderlager in Bad Sachsa erspart.

Nach dem Tode Wilhelm Dieckmanns wurden seine Frau und seine Kinder wieder entlassen, ebenso Onkel Albrechts Witwe. Wir erhofften und erwarteten alle, dass nun auch unsere Mutter freikäme. Doch - es war im November 1944 - sagte sie mir bei einem meiner Besuche im Gefängnis, als wir unbeobachtet waren: "Ich muss im Gefängnis bleiben. Nicht mehr wegen Onkel Albrecht, sondern nun wegen eures Vaters. Euer Vater ist nicht gefallen, er lebt - aber das ist ein strenges Geheimnis! Sprich nicht darüber! Vati ist in Russland in Gefangenschaft. Was er dort tut, ist gut und richtig. Wenn der Krieg zu Ende ist - lange kann er nicht mehr dauern - dann kommt euer Vater zurück nach Deutschland. Zu euch! - Ob ich jemals wieder zu euch komme, weiß ich nicht! Du bist die Älteste! Kümmere dich um deine vier kleineren Schwestern. Und um die Großeltern."

Anfang 1945 wurde unsere Mutter aus dem Gefängnis in Blankenburg über Braunschweig in eine Baude ins Riesengebirge gebracht, wo sie ihren weiteren schweren Leidensweg nun zusammen mit Frau von Lenski, Frau Lattmann, Frau Lawrenz, Frau Bamler und vielen anderen nächsten Angehörigen der Männer teilte, die seit dem Sommer 1943 in der Sowjetunion aktiv im Nationalkomitee "Freies Deutschland" arbeiteten. Nach einer langen Odyssee - man kann sie im VI. Kapitel meines 1994 erschienenen Buches über den Lebensweg meines Vaters nachlesen - kam sie Ende September 1945 zu uns in den Harz zurück. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wiederzusehen. Und sofort nach ihrer Rückkehr begann sie damit, sich aktiv am Aufbau eines antifaschistischen Deutschlands zu beteiligen.