Home Navigationspfeil Navigationspfeil Drafd Info 2001-05 Willi Brede

BERNT VON KÜGELGEN:

Immer das Notwendige

Am 2. Mai 2001 vor hundert Jahren wurde Willi Bredel geboren

 

Es war der 16. September 1943. Der LKW, ein offener Kastenwagen, rollte in die Dämmerung. Er brachte zwei Mitglieder des Nationalkomitees „Freies Deutschland", Willi Bredel und mich, sowie eine Gruppe junger Antifaschisten zum politischen Einsatz an die Front. Die Schlacht zur Befreiung der ukrainischen Hauptstadt Kiew stand bevor. Warnungen vor Minen am Straßenrand.
Niedergebrannte Felder, überkrustet vom schwärzlichen Grus verkohlter Halme. Abgefakkelte Dörfer. Die gemauerten Schornsteine ragten aus dem Schutt wie versteinerte Baumstümpfe eines urgeschichtlichen Waldes. An uns zog das menschenfeindliche Panorama verbrannter Erde vorüber, wie es die Wehrmacht hinterlassen hatte. Der Wagen stoppt. Panne. Der Keilriemen ist gerissen. Kein Ersatz, keine Hilfe weit und breit. Der Motor qualmt. Wir vertreten uns die Füße. Der Fahrer hat ein Verbandspäckchen aufgerissen und umwickelt mit der Mullbinde die Scheiben. Tatsächlich - ein prima Ersatz. Der Fahrer zurrt weiter an seinem Motor.
Wir stehen herum, blicken auf das graue Elend dieser Landschaft. Da bricht es aus Willi Bredel hervor, es klingt fast wie ein Stoßseufzer. „Es ist zum Verrücktwerden", sagt er und nestelt am Kragen seiner Soldaten-Gymnastjorka als wäre sie zu eng geworden. „Wir Kommunisten sind für ein friedliches und glückliches Leben der Menschen, dass es ihnen gut geht, dass sie sich sicher fühlen und geborgen. Und wir? Und unser Leben? Genau das Gegenteil, ein einziges Abenteuer, ein beständiges Hin und Her, aus einer Gefahr in die nächste." Er blickt mich an, als suche er die Wirkung seiner Worte. „Aber da gibt es nichts zu beklagen oder zu bereuen. Immer war es das Notwendige, das wir taten. Eben - das Notwendige."
Wenn jemand berechtigt zu dieser Bemerkung war, dann Willi Bredel. Mit 15 in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Dann Spartacus. In der KPD von Anbeginn. Gelernter Dreher. Arbeitslos. Wanderung nach Italien. Teilnahme am Hamburger Oktoberaufstand. 1923 Gefängnis. Amnestiert nach zwei Jahren. Als Matrose per Frachter nach Spanien, Portugal, wieder Italien, Nordafrika. Erneut ohne Arbeit. Nochmals Knast. Die Faschisten kommen. Konzentrationslager. Flucht in die CSR. Flucht in die Sowjetunion. Wenige Jahre der Muße zu literarischer Arbeit. Wieder Spanien. Kriegskommissar im Thälmann-Bataillon. Nochmals Flucht nach Moskau. Nun ging es wieder an die Front.
Als einer der Ersten kehrte er 1945 aus sowjetischer Emigration zurück. Erst nach Stettin und nachdem die Stadt polnisches Hoheitsgebiet wurde, nach Schwerin. Eine Periode vielseitiger Tätigkeit begann, zunächst als Organisator des demokratischen Aufbaus in Mecklenburg-Vorpommern während der ersten Jahre, doch dann kam Berlin, in der er sich neue, große Aufgaben stellte. Es festigte seinen Namen als Romancier, Essayist, Herausgeber der „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller", zeitweise als Chefredakteur der literarischen Blätter „Heute und Morgen", dann der „Neuen Deutschen Literatur" (NDL), des Organs des Schriftstellerverbandes. Er schuf zusammen mit Michael Tschesno-Hell die Drehbücher für die beiden Thälmann-Filme der DEFA der 50er Jahre. Der Umfang seines Wirkens bliebe unvollständig, wenn man nicht sein kulturpolitisches Wirken in den beiden höchsten Körperschaften der DDR anführte, im ZK der SED, dem er von Anfang an angehörte, und in der Akademie der Künste, diesem Gremium hervorragender Autoren, Künstler, Musiker, des dem zweifachen Nationalpreisträger die höchste Ehrung zuteil werden ließ. Es wählte ihn zum Vize-, 1964 zu seinem Präsidenten. Willi Bredel war ein durch und durch heiterer Mensch, ein Plauderer, Schnurren- und Anekdotenerzähler, der es verstand, die Mühsal einer stundenlangen Fernfahrt mit einem klapprigen IFA zu irgendeiner Diskussionsrunde wie im Fluge vergehen zu lassen.
„Einmal, kurz nach dem Kriege“, sagte er voller Vorfreude auf die Pointe, „war ich in der Humboldt-Uni zu einer Lektion über die deutsche Klassik, die ein schon recht betagter Professor vortrug. Als er fertig war, trat ich zu ihm. Herr Professor, sprach ich ihn an, bei allem Respekt vor ihrer Sachkenntnis scheint mir, dass einige Ihrer Thesen mit dem heutigen Stand der Erkenntnis nicht so ganz übereinstimmen. ‚Wieso‘, fiel er mir ins Wort, ‚was wollen Sie denn! Ich halte diesen Vortrag schon seit fünfundzwanzig Jahren!‘“ Willi Bredel steckte voll solcher skurriler Geschichten aus den ersten Anfängen einer anderen und neuen Zeit.
Bei einer jeden Begegnung glaubte man jenen Strom der Herzlichkeit und Fröhlichkeit zu spüren, der von ihm ausging. Und man merkte auch diesen Wesenszug an seinem Schaffen. Als er in jungen Jahren wieder einmal ohne Arbeit war, entdeckte er seine Freude am Schreiben. Er versuchte sich als Theaterkritiker für die „Hamburger Volkszeitung“. Die Redaktion erkannte sein Talent. Er schrieb sich frei. Wegen einiger besonders aufmüpfiger Artikel verurteilte ihn das Gericht 1930 wegen „Literarischen Hoch- und Landesverrats“ zu zwei Jahren Festung. Hier fand er Zeit, sich größere Aufgaben zu stellen. Mit „Maschinenfabrik N & K“ und „Die Rosenhofstraße“, der Geschichte einer kommunistischen Parteizelle in Hamburg, entstanden Romane, für die er aus eigenem Erleben schöpfte. Im „Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller“ erfuhr er, wie auch andere schreibende Arbeiter, in der Begegnung mit Becher, Renn, Seghers, Uhse eine Schule besonderer Art. Nach der Entlassung aus dem KZ entstand eines seiner wohl wichtigsten Werke: „Die Prüfung“ vermittelte die authentische Schilderung dessen, was die Faschisten hinter Stacheldraht zu verbergen suchten: die menschenfeindlichen Zustände im KZ Fuhlsbüttel, die Grausamkeit, mit der die Nazis die eingekerkerten Antifaschisten quälten und deren tapferer
Widerstand. Der Text wurde in 17 Sprachen übersetzt.
Das eigene Erleben, die genaue Kenntnis seines Umfelds blieben für Willi Bredel die unerschöpfliche Quelle seines Schaffens. Zwar beherrschte er nicht immer die letzte Feinheit literarischer Gestaltung, doch er entschädigte dafür seine Leser mit seiner ausgeprägten Begabung zu anschaulicher Erzählweise, mit seiner klugen Charakterisierungskunst, mit der er seine Helden, die Vielfalt der handelnden Personen allen Freunden seiner Bücher nahe zu bringen verstand. Schriftstellerisch gereift, von der Unruhe seines Lebens und den politischen Kämpfen seiner Zeit geprägt und aus diesen Erfahrungen schöpfend, fand er nun die Kraft zu Werken großen Umfangs.
In Moskau entstand die Trilogie „Verwandte und Bekannte“, das Porträt einer Hamburger Arbeiterfamilie, die er über drei Generationen hinweg verfolgte. In der DDR stellte er sich der Gegenwart mit einer weiteren Trilogie. „Ein neues Kapitel“ zeichnete ein vielgestaltiges Bild vom Hineinwachsen der Menschen in eine zutiefst veränderte und bessere Gesellschaft.

Willi Bredel interessierte sich Zeit seines Lebens für die französische Revolution 1789 und ihre Wirkung auf das Deutschland jener Zeit. Schon als 23jähriger verfasste er einen Aufsatz über Marat. Ab und zu sprach er von seinem Plan, über dieses Weltereignis einen großen historischen Roman zu schreiben. Er kam nur zu drei kürzeren Beiträgen, den Erzählungen „Marcel, der junge Sansculotte“ und „Der Kommissar am Rhein“ sowie dem Essay „Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und die bürgerliche Revolution“. Der Roman ist Plan geblieben. Der Kommunist, Schriftsteller, Publizist und Kulturpolitiker Willi Bredel verstarb, viel zu früh, am 27.10.1964. - Die Willi-Bredel-Gesellschaft zu Hamburg stellte sich die Aufgabe, sein Andenken und sein politisches und literarisches Erbe zu wahren. Unsere besten Wünsche begleiten sie bei dieser so notwendigen Aufgabe.

Willi-Bredel-Gesellschaft