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Lektionen über wahren Patriotismus

HERMANN-ERNST SCHAUER

Es war wenige Tage vor dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, als unsere Einheit, die 60. I.D.(mot.), der ich als 18jähriger Leutnant und Zugführer angehörte, von Haugsdorf bei Wien nach Polen verlegt wurde. Wir waren überrascht, glaubten wir doch, dass wir nach beendigtem Serbienfeldzug bereits auf dem Heimweg gewesen wären, - aber wir bezogen östlich von Krakau in Przemysl, nur wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, Quartier. Nach zwei, drei Tagen Aufenthalt ließ der Kompanieführer unsere Einheit antreten und hielt eine kurze Ansprache. Er verkündete, dass wir in den nächsten Tagen vor einer entscheidenden, schicksalshaften Auseinandersetzung stehen würden. Es gehe darum, den Weltfrieden vor der Bedrohung durch das jüdisch-bolschewistische Russland zu retten. Dieser Gefahr müsse präventiv begegnet werden. Er rief auf, sich als guter Soldat zu bewähren. Im übrigen, schloss er, könnten wir sicher sein, Weihnachten wieder mit unseren Familien zu Hause feiern zu können. Danach bat er die Offiziere zu sich und teilte uns einen von Generaloberst von Brauchitsch unterzeichneten "Erlass des OKW vom 5. Juni 1941" mit, dass bei Gefangennahme politische Kommissare der Roten Armee "sofort mit der Waffe zu erledigen" und nicht "als Gefangene im Sinne der Haager Konvention zu behandeln" seien. Er endete mit den Worten: "Meine Herren! Das ist ein Befehl! Ich danke Ihnen!" Wir gingen schweigend auseinander. Die Stimmung war bedrückt. Fragen quälten mich. Es gab doch einen Nicht-Angriffspakt?

Es kam die Nacht zum 22. Juni. Unsere Einheit lag in Bereitschaft. Sie war für die "zweite Welle" des Angriffs vorgesehen. Es war eine schwüle Sommernacht. Der Krieg begann mit einem todbringenden Feuerhagel. Jenseits der Grenze sahen wir brennende ukrainische Dörfer.

Die "erste Welle" war, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, nach Osten vorgedrungen. Erst bei Berdishev, etwa 400 Kilometer hinter der Grenze, kam der Vormarsch zum ersten Mal ins Stocken. Die "zweite Welle" kam zum Einsatz. Am 4. Juli überschritt unsere Einheit die Grenze und bewegte sich in Richtung Berdishev, ebenfalls ohne in Kämpfe verwickelt zu werden. Nur vereinzelt gab es kleinere Gefechte, wurden Gefangene gemacht. Am 11. Juli erhielt unsere Einheit ihren ersten Kampfauftrag: Sicherung der inzwischen besetzten Stadt Berdishev. Erst hier waren sowjetische Streitkräfte aus dem Hinterland zusammengezogen worden, vor allem Panzerverbände, um die Ortschaft zurückzuerobern. Ich erhielt den Auftrag, zu erkunden, ob die vor uns liegenden Dörfer "feindfrei" seien. Als wir mit unseren Krafträdern am Ortsrand der Stadt vorbeifuhren, mussten wir an einer Mulde vorbei. In ihr waren Gefangene zusammengetrieben. Abgesondert von ihnen lagen, mit dem Gesicht zum Boden, vier sowjetische Kommissare, eng aneinander gefesselt. Dieser Anblick schmerzte - er begleitet mich bis heute. Es widersprach meinem Ehrgefühl als deutscher Offizier, dass gefangene Offiziere sofort zu erschießen seien.

Unsere Aufklärung endete abrupt. Plötzlich verspürte ich einen heftigen Schmerz in meiner rechten Seite und verlor das Bewusstsein. Als ich erwachte, war ich nun selber Gefangener und hatte Angst, glaubte ich doch, dass russische Gefangenschaft und Tod identisch seien. Aber - ich lebte und man hatte mich verbunden. Mit einer Binde vor den Augen und auf dem Rücken gefesselten Händen wurde ich, auf einem Panzer liegend, abtransportiert. Wohin? Als ich die Augen wieder öffnen und die Hände wieder bewegen konnte, befand ich mich bei einem Regimentsstab. Würde jetzt ein Verhör unter Folter beginnen? In fließendem Deutsch fragte mich ein russischer Offizier kurz nach Namen und Einheit. Dann stellte er mir zwei Fragen, die mich völlig überraschten, da sie nicht militärischen Charakters waren. Warum schießen deutsche Arbeiter und Bauern auf russische Arbeiter und Bauern? - und - Warum haben uns die Deutschen trotz des Nichtangriffspaktes so heimtückisch überfallen? Verunsichert antwortete ich, dass ich als Offizier Befehle auszuführen habe, und dass ich die erste Frage nicht verstünde, da ich weder Arbeiter noch Bauer sei, - es sei Krieg, den Soldaten gegen Soldaten führen.

Über 1.500 Kilometer Transport lagen hinter mir, als ich in Jelabuga, einer kleinen Stadt bei Kasan eintraf. In einem ehemaligen Kloster befand sich ein Offizierslager mit etwa 200 deutschen und 100 rumänischen Offizieren. Bei meinem Eintreffen wurde ich von allen Seiten mit der Frage bestürmt, wo gegenwärtig die Front verliefe, und wann damit zu rechnen sei, "dass unsere Truppen endlich dieses Lager befreien würden".

Tagtäglich ertönten auf dem Korridor der Offiziersbaracke über einen Lautsprecher Nachrichten in deutscher Sprache. Als TASS im Dezember 1941 meldete, dass Moskau verteidigt worden sei und sich die Truppen der Roten Armee auf dem Vormarsch nach Westen befänden, brach eine grenzenlose Hysterie aus. Voller Arroganz und Borniertheit behaupteten nicht wenige: Moskau ist längst gefallen. Das wird nur verschwiegen. Jeder Zweifel daran wurde als Verrat gebrandmarkt.

Doch es gab auch Nachdenken. Der Blitzkrieg war offensichtlich gescheitert - das Weihnachtsfest im Lager sicher. Es waren einzelne, vor allem jüngere Offiziere, die sich um Hauptmann Dr. Ernst Hadermann, einen reaktivierten Hauptmann, Träger des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse aus dem 1. und dem 2. Weltkrieg, zu sammeln begannen. Wir führten Gespräche miteinander. Hadermann sprach über historische Erfahrungen, die missachtet wurden: über den gemeinsamen Befreiungskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft, über die Warnung Bismarcks vor einem Zweifrontenkrieg oder über den Rapallo-Vertrag.

Leidenschaftlich geißelte er die Rassentheorie der Nazis. Meine bisherigen Auffassungen konnten vielen seiner Argumente nicht standhalten. Ernst Hadermann erinnerte mich an meinen Vater, auch Hauptmann im 1. Weltkrieg und jetzt reaktiviert. Hatte er nicht ebenfalls vor einem Zweifrontenkrieg gewarnt? Bei einer unserer letzten Begegnungen hatte er gesagt: "...Ich glaube nicht an einen Zweifrontenkrieg, sollte es dennoch wider alle Vernunft dazu kommen, ist ein solcher Krieg von vornherein militärisch verloren, es sei denn, es würde eine politische Lösung gefunden."

Neu ankommende Gefangene wurden immer wieder von allen Seiten bedrängt, über die Lage an der Front zu berichten. Im Grunde genommen bestätigten sie - sehr zum Ärger der fanatischen Eiferer unter den Offizieren - die Nachrichten zur militärischen Lage, die wir täglich hören konnten. Einige von ihnen berichteten auch über erschütternde Greueltaten, die Angehörige der Wehrmacht begingen. Da wucherte die Verblendung aus: So etwas gibt es nicht! Das ist übelste Propaganda! Andersdenkende versuchte man zu boykottieren, psychisch zu terrorisieren, man griff sie tätlich an und drohte mit Fememord. Die Meinungen prallten heftig aufeinander. Beherrscht von einem Unfehlbarkeitsdünkel waren die nazitreuen Offiziere zu keinerlei Diskussion bereit. Die nachdenklichen Stimmen aber schwiegen nicht. Die kleine Gruppe um Hauptmann Hadermann schloss sich enger zusammen. Hadermann wurde Initiator und geistiger Vater der ersten Gruppe kriegsgefangener antifaschistischer deutscher Offiziere in der Sowjetunion. Sie zählte 21 Mitglieder. Am 20. und 21. Mai 1942 trat sie zum ersten Mal öffentlich im Lager Jelabuga auf. Dr. Ernst Hadermann begründete seinen Schritt zum offenen Bruch mit Hitler. Er forderte die sofortige Beendigung des Krieges durch den Sturz Hitlers, um den Weg für ein freies, unabhängiges Deutschland zu ebnen, und um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Seine Rede "Das Manneswort eines deutschen Hauptmanns" ist in die Geschichte des deutschen Widerstandes eingegangen.

Die Tragödie von Stalingrad löste unter allen Gefangenen eine tiefe Erschütterung aus. Sie ließ niemanden unberührt. Doch die Schlüsse, die daraus gezogen wurden, waren gegensätzlich. Die einen forderten: Durchhalten! Jetzt erst recht! Der Endsieg ist unser! - ganz im Geiste Goebbels, der im Februar 1943 zum "totalen Krieg" gegen die "anstürmenden Sowjethorden" aufgerufen hatte. Sie beriefen sich auf den Eid, den sie Hitler geleistet hatten und auf den bedingungslosen Gehorsam eines deutschen Offiziers. Die Offiziere, die gegen Hitler auftraten, forderten dessen sofortigen Sturz, um zu verhindern, dass ganz Deutschland das Schicksal Stalingrads widerfährt. Wir rechtfertigten unsere Haltung damit, dass wir unser Gewissen über den auf Hitler geleisteten Eid stellen, dass wir uns nicht einer skrupellosen Einzelperson, einem Diktator, gegenüber, der sein eigenes Volk schmählich verraten hatte, verpflichtet fühlen, sondern als Patrioten ausschließlich dem deutschen Volk. Sich vom Eid zu lösen, hieß, alle Möglichkeiten zur Rettung Deutschlands - auch hinter Stacheldraht - zu nutzen. Die Mehrheit der Offiziere hingegen fand es am zweckmäßigsten, den weiteren Verlauf des Krieges als Gefangener abzuwarten, da man ohnehin in dieser Situation nichts bewirken könne.

So wurde Stalingrad zum entscheidenden Impuls für die Gründung des Nationalkomitees "Freies Deutschland" und des "Bundes Deutscher Offiziere". Im Sinne des "Manifestes des Nationalkomitees ‚Freies Deutschland' an die Wehrmacht und an das deutsche Volk - Gegen Hitler - Für Deutschland" wurde unverzüglich mit verstärkter Aufklärungsarbeit an allen Frontabschnitten begonnen. Die Bevollmächtigten des Nationalkomitees standen an Lautsprechern in den Schützengräben und im Niemandsland, wirkten als Parlamentäre oder als Kuriere. Sie forderten zunächst den geordneten Rückzug der deutschen Truppen unter verantwortungsbewussten Offizieren bis zur Grenze, um einen ehrenhaften Friedensvertrag zu ermöglichen.

Als es nicht dazu kam, riefen sie zum Übertritt auf die Seite des NKFD auf. Es wurden auch bevollmächtigte Gruppen des NKFD ins Hinterland der deutschen Truppen delegiert. Anfang 1944 sprangen zwei dieser Gruppen mit Fallschirmen über dem Partisanengebiet von Minsk, in der Nähe von Logoisk ab, das heißt, im Rücken der 9. Armee. Sie hatten die Aufgabe, Flugblätter zu drucken und mit Hilfe der Partisanen in den Garnisonen zu verteilen, vor allem aber suchten sie Kontakte zu Soldaten und Offizieren in den Garnisonen, um Widerstandsgruppen des Nationalkomitees zu bilden.

Dabei begegneten wir viel Leid, das der Bevölkerung von der Besatzungsmacht zugefügt wurde und viel Grausamkeiten, denn oft genug diente der Kampf gegen die Partisanen als Vorwand für Massenmorde an der Zivilbevölkerung. Wir erlebten die "Strafexpedition Kormoran", die unter dem Kommando des SS-Generals von Gottberg stand und wir erlebten die "Taktik der verbrannten Erde". Diese Spuren sind bis heute noch lebendig. Mit der Befreiung des Gebietes durch die Rote Armee war unser Auftrag als Bevollmächtigte beendet. Wir verließen den blutgetränkten Boden Belorusslands, der für jeden vierten Bewohner des Landes zur letzten Ruhestätte in den Jahren der Besatzung geworden war.