Home Navigationspfeil Navigationspfeil DrafdInfo200212_Kather

Brigitte Kather

Erlebte Vergangenheit - Mut für die Zukunft

 

Deutsche und französische Jugendliche begegnen zwei deutschen Résistance-Kämpfern

 

Wenn man Schüler über das Unterrichtsfach Geschichte sprechen hört, dann ruft man in der Regel nur ein lautes Gähnen hervor, und bei weiterem Nachfragen kommen häufig Erklärungen, dass Geschichte langweilig sei, weil viel zu weit weg von der eigenen Alltagswelt. Solche Äußerungen können verständlich sein, wenn es um Epochen geht, die sehr weit in der Vergangenheit liegen. Aber eigentlich auch da gibt es heutzutage Zugänge, die die Schüler ein nachvollziehbareres Verständnis finden lassen. Was die Epoche des Nationalsozialismus angeht, so ist die Schülerreaktion nicht selten, dass gerade dieses Thema zuviel im Unterricht behandelt wird. Es stellt sich eine gewisse Müdigkeit ein, will man als Lehrer dieses Thema mit Schülern bearbeiten. Woher kommt das? Sicherlich liegt es einerseits an dem ehrlichen Verlangen vieler Lehrer, ihre Schüler mit einem zeitgeschichtlichen Themenkomplex zu konfrontieren, der nicht als abgeschlossen gelten kann und dessen Behandlung sehr oft mehr Fragen als Antworten über das „Warum" und „Wie konnte das geschehen?" aufwirft. Andererseits ist die menschenverachtende Entwicklung des Nationalsozialismus bis hin zum Holocaust nicht wirklich rational zu erfassen, so daß die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust als mühsam, unangenehm, ja unbequem gilt. Denn die hervorstechenden Phänomene des Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassendiskriminierung, sind keine geschichtlichen Merkmale, sondern gerade in unserer Zeit sehr präsent. Warum dieser Vorspann zu einer im Titel angekündigten Begegnung von jugendlichen Deutschen und Franzosen mit zwei Vertretern der DRAFD? Weil gerade durch die Begegnung mit Menschen, die Antisemitismus und Rassendiskriminierung unmittelbar und im großen Ausmaß zwischen 1933 und 1945 erfahren bzw. erlebt haben, Jugendliche ein Verständnis dafür entwickeln können, wie wichtig tolerantes und menschenachtendes Verhalten für den Bestand einer demokratischen Gesellschaft ist. Als Referentin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Lehrerin für Französisch und Geschichte an der John-F.-Kennedy-Schule habe ich immer wieder erleben können, wie Gerhard Leo und Kurt Hälker mit ihren sehr unterschiedlichen Lebenswegen Jugendliche in Staunen versetzen. Sie können bei Schülern einen Reflexionsprozeß über die Notwendigkeit des aktiven Engagements gegen Unrecht und Unmenschlichkeit in Gang setzen. Beide sind Gründungsmitglieder der DRAFD, einer Organisation ehemaliger deutscher Widerstandskämpfer der europaweiten Widerstandsbewegungen und ehemaliger Angehöriger der Streitkräfte der Antihitlerkoalition. Seit zehn Jahren ist die DRAFD erfolgreich aktiv, auf das Engagement von Deutschen in den europaweiten Widerstandsorganisationen aufmerksam zu machen. Sie hat dadurch die Diskussion über die Rolle des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus neu belebt. In Hinblick auf ein zusammenwachsendes Europa ist das lebhafte Engagement der DRAFD, mit Jugendlichen in die Diskussion zu kommen, von politischem Wert. Der Austausch der Generationen und der Nationen ist auch Anliegen des Deutsch-Französischen-Jugendwerks (DFJW), das Schulen und Bildungseinrichtungen zum historisch-politischen Diskurs zwischen Jugendlichen beider Nationen ermutigt. Durch die Kenntnis gemeinsamer Schnittstellen innerhalb des wechselvollen deutsch-französischen Verhältnisses können Vorurteile abgebaut und identische Ziele wahrgenommen werden. Das DFJW wird aus Anlass seines 40jährigen Bestehens einen Film über Gerhard Leo und seinen Dialog mit der Jugend vorstellen. Deshalb lohnt es, sich intensiver mit einer dieser Begegnungen zu beschäftigen: Ich habe Herrn Hälker und Herrn Leo im Rahmen eines deutsch-französischen Austauschprojekts kennengelernt, das wir von der John-F.-Kennedy- Schule gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zunächst der Universität Toulouse durchgeführt haben. Unter dem Titel „Vom Widerstand zur Demokratie" haben deutsche (Berliner) Schüler und französische Studenten Schriften von Widerstandsgruppen, wie zum Beispiel dem Kreisauer Kreis in Berlin bzw. Kreisau und der Gruppe CALPO in Südfrankreich studiert. Im Sommer 2001 fand die zunächst binationale Begegnung in Berlin statt. Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung präsentierten die Schüler und Studenten ihre Erkenntnisse über die Aktualität der Schriften ehemaliger Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus. In einer zweiten Veranstaltung trafen die Schüler und Studenten mit Kurt Hälker zusammen, der ihre theoretischen Erkenntnisse durch seine lebhaften Schilderungen untermauerte. Als Fazit stellte die Gruppe fest, daß weder in Deutschland noch in Frankreich die europapolitischen Akzente dieser Widerstandsgruppen weiträumig bekannt sind, wie auch die Beteiligung von mindestens 1000 deutschen Widerstandskämpfern in der französischen Résistance auf beiden Seiten des Rheins lange Zeit ignoriert worden ist. Durch das unermüdliche Engagement über Jahrzehnte von einzelnen, unter anderem von Kurt Hälker und Gerhard Leo, kam es dazu, dass die DRAFD durch einen Fernsehfilm von einer breiteren, interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen werden konnte. Für die französischen Studenten und die deutschen Schüler war besonders dieser Nachmittag in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand prägend, so sehr, dass sie bis heute von den Erfahrungen und Erkenntnissen dieses Projektes sprechen. Denn aus dem binationalen Projekt entwickelte sich ein trinationales Programm, an dem polnische, deutsche und französische Studenten über Résistance, Widerstand, und Resistanza studieren und sich gegenseitig austauschen. Seit September 2002 haben wir das Projekt auf Schülerebene weitergeführt: Limoges trifft Berlin. Das Lycée Renoir zeigte großes Interesse, an dem Projekt mit einer Klasse des 11. Jahrgangs teilzunehmen. Im Oktober trafen 20 französische Schülerinnen und Schüler auf 20 deutsche aus der John-F.-Kennedy-Schule. Höhepunkt dieser deutsch-französischen Begegnung im Zeichen des Widerstands und der Résistance war die Begegnung mit Kurt Hälker und Gerhard Leo. Hierbei standen die beiden unterschiedlichen Wege in die Résistance im Mittelpunkt des zweistündigen Gespräches: Der junge Wehrmachtssoldat, 1941 als Fernschreiber nach Paris geschickt und dort mit der grausamen Wirklichkeit des deutschen Besatzungsregimes konfrontiert wird. Die Flugblätter mit freiheitseinschränkenden Verordnungen für alle Franzosen, aber besonders für Juden; die öffentliche Bekanntgabe von Hinrichtungen, all diese ersten Eindrücke waren unter anderem ausschlaggebend für den Schritt in Richtung Résistance. Nachgeborene können sich nur schwer vorstellen, was der Balanceakt zwischen der offiziellen Arbeit eines Wehrmachtssoldaten und der Arbeit in der Illegalität tatsächlich bedeuten mußte. Den Schülern ist es dank dieser Schilderungen ein wenig klarer geworden. Ganz anders dagegen die lebendige Schilderung des Emigrantenjungen Gerhard Leo, der seit 1933 in Frankreich lebte und sehr wohl integriert war. Für ihn war der Weg in die Résistance die logische Konsequenz aus den Erfahrungen, die er und seine Familie mit dem nationalsozialistischen Regime in Berlin machen mussten. Résister war somit (endlich) eine Möglichkeit, sich gegen dieses verhasste Regime aktiv zu wehren und zu seiner Schwächung, ja Vernichtung beizutragen. In seiner Autobiographie „Frühzug nach Toulouse" schildert Gerhard Leo diesen Werdegang, der ihn als deutschen Résistancekämpfer unter Deutsche gebracht hat. Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er der Résistance nützliche Dienste erweisen und hat sich dadurch nicht selten in sehr große Gefahr gebracht. Was gehört dazu, diesen Mut gehabt zu haben, mit der Résistance zusammen zu arbeiten oder in der Résistance aktiv zu sein? Idealismus, eine Vision von einer freien, menschlichen Welt, in der der einzelne mit seinen Eigenheiten toleriert und akzeptiert wird. Und natürlich Mut für eine lebenswerte Zukunft. Vielen Dank dafür.