Home Navigationspfeil Navigationspfeil Drafd Info 2003-07_NKFD

Koalition des Gewissens

Zum 60. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«
und des Bundes Deutscher Offiziere. Von Peter Rau

Noch immer ist, wenn es um die weltweite Bewegung »Freies Deutschland« geht, von einem »unterbelichteten Kapitel« der Geschichte des antifaschistischen Widerstands während des Zweiten Weltkrieges die Rede. Oft wird bei der Präsentation der DRAFD-Ausstellung »Für Deutschland – Gegen Hitler« großes Interesse bekundet, mehr über diesen Abschnitt des Widerstandskampfes zu erfahren.
Der bevorstehende 60. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« und des Bundes Deutscher Offiziere am 12./13. Juli und 11./12. September 1943 in Krasnogorsk bzw. Lunowo bei Moskau bietet einmal mehr Gelegenheit, deren Wirken gegen den Faschismus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das ist umso mehr geboten, als auch in der heutigen Bundesrepublik noch immer jene Denkmuster des Kalten Krieges verbreitet sind, die eine sachliche Bewertung, geschweige denn Würdigung der an diesem Frontabschnitt tätig gewordenen Deutschen erschweren oder gar gänzlich unmöglich machen.
Diesem Denken ist offenkundig auch das Bundesministerium für Verteidigung verhaftet. Dessen Antwort vom 17. April 2003 auf ein entsprechendes DRAFD-Schreiben mit der Bitte um Unterstützung bei der Ausrichtung der Gedenktage verweist auf den gültigen Traditionserlaß der Bundeswehr. Mit ihm wird begründet, warum darin kein Platz ist für Nationalkomitee und BDO, obwohl »der militärische Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime« eine der »drei Säulen ihres Traditionsverständnisses« bildet. Mit Blick auf die sowjetische Kriegsgefangenschaft heißt es: »Außerdem bleibt umstritten, inwieweit wirklicher Widerstand gegen das NS-Regime in dieser Situation möglich war. Auch die starke kommunistische Prägung ist hierbei auffällig gewesen...« Hinzu komme, daß dieser »Widerstand« – im Antwortschreiben in Anführungszeichen gesetzt – »ein anderes nicht-demokratisches Regime (die Sowjetunion) unterstützte«.
In der vom Ministerium abschließend eigens empfohlenen Lektüre – dem Begleitband zur Wanderausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr »Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime« (2000 in fünfter Auflage erschienen) – wird ebenfalls in Frage gestellt, »ob eine Auflehnung aus der Kriegsgefangenschaft heraus, d.h. in Abhängigkeit des Kriegsgegners bzw. unter dessen Schutz, überhaupt die Möglichkeit eröffnete, dem nationalsozialistischen Regime in irgendeiner Form Widerstand entgegensetzen zu können«. An anderer Stelle wird gar der Vorwurf erhoben, »die Wehrmacht durch Überläuferpropaganda und Partisanenaktionen (›Zersetzungspropaganda‹) geschwächt« und zudem den »Zusammenhalt der deutschen Gefangenen untereinander zerstört« zu haben. Kein Widerstand und trotzdem die Wehrmacht geschwächt – das verstehe, wer will ...
Die Ursachen für solche widerspruchsvollen Behauptungen sowie die eingangs erwähnte »Unterbelichtung« reichen weit zurück. Letztlich wurzeln sie in denselben Verleumdungen, derer sich das faschistische Oberkommando der Wehrmacht bereits im Oktober 1943 bediente, um sein Offizierskorps darauf einzuschwören, »daß die ganze Aktion ›Freies Deutschland‹ den bolschewistischen Stempel der Lüge und Unwahrhaftigkeit an der Stirn trägt« bzw. »ein besonders infames Produkt der feindlichen Propaganda« sei. Selbst die bis in die Gegenwart hinein anhaltenden Verratsvorwürfe gegenüber den Mitgliedern des NKFD und des BDO lassen sich zurückverfolgen bis zu jenem Treuebekenntnis, in dem sich die acht Generalfeldmarschälle des Heeres im März 1944 gegenüber Hitler vom »schnöden Verrat an unserer heiligen Sache« distanzierten.
Die »Mitteilungen für das Offizierskorps« von 1943 belegen übrigens wie viele spätere »Warnungen« nicht nur die damalige Furcht vor den Argumenten der antifaschistischen Propaganda, sondern sind indirekt zugleich auch ein Beleg für die Wirkungen von Flugblättern und Lautsprechersendungen, von Rundfunk und Zeitung des Komitees. Natürlich ist dessen eigentliches und großes Ziel, einen Beitrag zur schnellstmöglichen Beendigung des verbrecherischen Krieges zu leisten, bevor er in der sonst unausweichlichen Katastrophe eines zerstörten Deutschlands enden würde, nicht erreicht worden. Dies ist jedoch auch keiner anderen deutschen Widerstandsgruppe gelungen. Andererseits hat keine andere Organisation eine solche Breite und Tiefenwirkung erreicht, dem Naziregime einen solchen unmittelbaren Schaden zugefügt und mehr Menschenleben gerettet und – nebenbei gesagt – nicht weniger Opfer gebracht wie die Bewegung des 20. Juli 1944. Deren vielgerühmtem Aufstand des Gewissens stand die im »Freien Deutschland« zusammengeschlossene Koalition des Gewissens in nichts nach.
Schon das am 13. Juli 1943 beschlossene »Manifest« als Gründungsdokument des NKFD bot Halt, Hoffnung und Orientierung. Gestützt darauf nahm überall dort, wo Deutsche lebten – im Exil wie in der Heimat, in der Wehrmacht selbst wie in der Gefangenschaft – der Kampf der Hitlergegner einen neuen Aufschwung. In vielen Ländern Europas und selbst in Übersee schlossen sich parteiübergreifend Antifaschisten zu eigenständigen Gruppen der Bewegung »Freies« Deutschland zusammen. Auf der Habenseite ihres Wirkens steht dabei nicht nur, die Wahrheit über das Nazisystem verbreitet und eine wirkliche ideologische Entnazifierung – Grundstein für den demokratischen Neubeginn nach dem Krieg – auf den Weg gebracht zu haben. In der Sowjetunion, aber auch in Frankreich und anderen okkupierten Ländern wurden die Flugblätter mit dem Signum der Bewegung »Freies Deutschland« Zigtausenden Wehrmachtssoldaten zum Passierschein in ein Leben nach dem Krieg. In Einsätzen an und hinter den Fronten haben ihre Angehörigen nicht selten das eigene Leben riskiert, um auf der Gegenseite die Einstellung des zunehmend sinnloseren Widerstandes zu erreichen.
Wer heute – in geradezu ehrenrühriger Form gegenüber den Tausenden aktiv daran Beteiligten – diesen vielgestaltigen und breitgefächerten Teil des Widerstandes aus welchen Beweggründen und mit welchen Absichten auch immer verleugnet oder diffamiert, ignoriert dabei jedoch nicht nur die Tatsachen, sondern auch die historischen Umstände, unter denen er sich vor sechs Jahrzehnten konstituierte. Wer an »kommunistischer Prägung« Anstoß nimmt und lediglich »Handlanger Stalins« am Werke sieht, übersieht (ungewollt?), dass es maßgeblich die Streitkräfte der Sowjetunion waren, denen Deutschland die Befreiung vom Faschismus verdankte. Dass die Nachkriegsentwicklung dieses Landes nicht so verlief, wie sich das mancher zuvor ausgedacht, erhofft oder erträumt hatte, kann der Bewegung »Freies Deutschland« in ihrer Gesamtheit kaum zum Vorwurf gemacht werden. Auf gar keinen Fall taugt ihre Ausgrenzung dazu, noch nachträglich Schlachten des heißen wie des kalten Krieges schlagen und gewinnen zu wollen. Es sei denn, das seinerzeit im Manifest des Nationalkomitees fixierte Ziel einer demokratischen Staatsmacht, »die jeden Versuch des Wiederauflebens von Verschwörungen gegen die Freiheitsrechte des Volkes oder gegen den Frieden Europas rücksichtslos schon im Keim erstickt«, wäre nicht mehr zeitgemäß ...

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