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Erinnerungen an Weggefährten des antifaschistischen Widerstands

Die Sache mit Skorzeny

Manche Geschichte wird nun unerzählt bleiben: Zum Tod des Antifaschisten Karl Kleinjung

Bis zuletzt hat Karl Kleinjung sich bemüht, Episoden seines Lebens für die Nachwelt aufzuschreiben. Zuletzt waren es seine Begegnungen mit dem Widerstandskämpfer Albert Hößler, der wie er freiwillig nach Spanien gegangen war und nach der Niederlage der Republik in der Sowjetunion eine zweite Heimat gefunden hatte (siehe DRAFD-Information vom Dezember 2002). Mit ihm zusammen hatte er nach dem faschistischen Überfall in der Nähe von Moskau eine Aufklärerschule absolviert, in der auch der später, lange nach dem Krieg, in den USA festgenommene »Meisterspion« Rudolf Abel zu seinen Lehrern gehörte. Während Hößler 1942 als Kundschafter der Sowjetunion nach Deutschland zurückkehrte und dort in die Hände der Gestapo fiel, führte Kleinjung selbst ein anderer Auftrag ins Hinterland der faschistischen Okkupanten führte: nach Belorußland. Und ebendort begann im Spätsommer 1944 eine weitere Geschichte des am 12. März 1912 in Remscheid geborenen, zum Jungkommunisten geformten und 1931 (?) von Artur Becker in die KPD aufgenommenen Karl Kleinjung.

Genau besehen begann sie zunächst ohne ihn, denn sie war ziemlich hoch angebunden. Stalin selbst hatte sie mit dem stellvertretenden Generalstabschef Sergej Stschemenko und einigen führenden Offizieren des Volkskommissariats für Staatssicherheit und der militärischen Abwehr in die Wege geleitet. Im Verlauf der Operation Bagration, der Sommeroffensive im Jahr 1944 in Belorußland waren etliche Wehrmachtsdivisionen aufgerieben und die deutsche Heeresgruppe Mitte einige hundert Kilometer zurückgeworfen worden. Genauer gesagt: deren Reste, denn große Teile ihrer Armeen waren zerschlagen, gefangengenommen, aufgerieben oder eingekesselt worden. »Stalin«, so erinnert sich Pawel Sudoplatow, Leiter der NKGB-Abteilung für Sonderaufgaben, »wollte (angesichts dieser Lage) »die Deutschen zu dem Versuch verleiten, ihre eingeschlossenen Truppen zu entsetzen, zu ihnen durchzubrechen und (sie) mit Nachschub zu versorgen, um sie damit zu einer Verausgabung ihrer Kräfte zu überlisten.« Zur Realisierung dieser waghalsigen Mission wurden Sudoplatows Stellvertreter Leonid Eitington und der Funkspezialist Rudolf Abel nach Belorußland gesandt. Ihr Einsatzstab erhielt umgehend die erforderliche und gewünschte Verstärkung: Dass Kleinjung, gerade von einer anderen Mission hinter der Front zurückgekehrt, sowie die ehemaligen Interbrigadisten Gustav Röbelen und Otto Schliwinski für diesen Auftrag ausgewählt wurden, ist kein Zufall; alle drei hatten in Spanien zur Mannschaft des für Partisaneneinsätze im Rücken der Franco-Truppen verantwortlichen sowjetischen Militärberaters Oberst Kotow gehört. Doch »Kotow« war niemand anders als der erfahrene Tschekist Leonid Eitington...

Über einen lange zuvor placierten Doppelagenten in der Wehrmachtsabteilung Fremde Heere Ost wird eine Meldung ans faschistische Oberkommando  lanciert, wonach eine von Oberstleutnant Heinrich Scherhorn befehligte 2500 Mann starke, mit Artillerie und Panzern ausgerüstete Brigade der Wehrmacht unweit der Beresina, etwa 60 bis 100 Kilometer nordöstlich von Minsk eingeschlossen, aber in der Lage sei, bei entsprechender Versorgung mit Nachschub aus der Luft Kampfaufträge hinter der Front auszuführen. Nur: Dieser Kampfverband war längst in sowjetische Gefangenschaft geraten; der Oberstleutnant und sein Funker hatten schließlich in das geplante Funkspiel eingewilligt, das laut Sudoplatow »das erfolgreichste Funktäuschungsmanöver des ganzen Krieges« werden sollte.

Scherhorn versorgte das OKH mit Berichten über angebliche Sabotageaktionen im Rücken der Roten Armee, bat um Unterstützung, um Waffen, Munition und Verpflegung, um sich kämpfend zur Hauptkampflinie durchschlagen zu können. Daraufhin wies Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes höchstselbst, den im Reichssicherheitshauptamt für Agenteneinsätze Verantwortlichen an, alle dafür erforderlichen Maßnahmen in die Wege zu leiten. Das war kein anderer als der im Jahr zuvor gefeierte Mussolini-Befreier, SS-Sturmbannführer Otto Skorzeny. Der von ihm aufgestellte und geführte Jagdverband Ost erhielt den Auftrag, zunächst vier Gruppen von je fünf Mann in dem in Frage kommenden Gebiet abzusetzen und direkten Kontakt zur Scherhorn-Brigade aufzunehmen.

Skorzeny: »Die erste Gruppe, die von Feldwebel P. geführt wurde, sprang Ende August ab. Eine He 111 des Kampfgeschwaders 200 (...) brachte sie an Ort und Stelle. Gespannt warteten wir auf die Meldung von der glücklichen Rückkehr des Flugzeuges. Der Flug führte damals schon immerhin 500 Kilometer weit in das feindliche Hinterland... Noch in derselben Nacht erhielten wir durch Fernschreiben die Meldung, daß der Flug glatt verlaufen und die Gruppe richtig abgesetzt worden sei. In den Morgenstunden hatte auch das Frontaufklärungskommando Funkverbindung mit dem Einsatz P. ›Wir sind schlecht gelandet‹, kam durch, ›sammeln uns jetzt und erhalten MG-Beschuß ...‹ Damit brach der Funkspruch ab... Gruppe P. meldete sich nicht mehr. Das war kein guter Anfang! Anfang September startete die zweite Gruppe unter dem Kommando von Oberfähnrich Sch. Die Flugzeugbesatzung meldet einen glatten Absprung. Vier Tage meldet sich die Gruppe überhaupt nicht... Da, in der sechsten Nacht bekommt unser Funker auf sein Rufzeichen Antwort. Das Kennwort der Gruppe Sch. stimmt. Auch das Geheimzeichen wird gefunkt, daß sie nicht unter Druck stehen, und dann kommt das Entscheidende: Die Kampfgruppe Scherhorn existiert und ist aufgefunden! In der nächsten Nacht funkt Oberstleutnant Scherhorn selbst seinen Dank ... War das ein schönes Gefühl für uns! Der Einsatz unserer Männer war nicht umsonst ...«

Was Skorzeny indes nicht wissen konnte, schildert Karl Kleinjung, dessen Gruppe später mit einigen Männern des Nationalkomitees Freies Deutschland verstärkt worden war: »Wir Deutsche sollten als angebliche Angehörige des Regiments Scherhorn die Gruppen am ausgemachten Landeplatz in Empfang nehmen und sie glauben machen, gut beim Regiment gelandet zu sein. Eitington hatte uns zuvor über die voraussichtliche Zusammensetzung der Gruppe informiert; neben zwei Deutschen würden vermutlich noch zwei oder drei vom deutschen Geheimdienst angeworbene ehemalige Sowjetbürger dazugehören. Wir sollten unter einer entsprechenden Legende die Deutschen von ihnen trennen und zu einem Zelt bringen, in dem Scherhorn auf sie warten würde. Der Abwurfplatz war eine große Wiese mitten im Wald von 200 Meter Länge und ungefähr 100 Meter Breite. Wir mußten zur angegebenen Zeit an vier Stellen im Quadrat Feuer machen und bei Annäherung des Transportflugzeuges in der Mitte ein fünftes Feuer anzünden – als Signal dafür, daß alles in Ordnung ist.«

Die Aktion gelang. Die gelandete Gruppe wurde von den in Wehrmachtsuniformen steckenden deutschen Antifaschisten in einen vermeintlichen Hinterhalt geführt und überwältigt. Wer sich nicht »umdrehen« ließ, also einverstanden erklärte, an der Operation zur Desinformation der deutschen Seite mitzuwirken, mußte den Weg in eines der Lager für Kriegsgefangene antreten. Vor allem ging es dabei um die Funker, die sich auch in der Regel anwerben ließen und die gewünschten (Des-)Informationen übermittelten – zunächst über die tatsächliche Existenz der Scherhorn-Brigade, später über die erforderliche Unterstützung für den Versuch der Einheit, sich bis zur Hauptkampflinie durchzuschlagen. 

Skorzeny: »Nun kamen die dringendsten Wünsche der abgeschnittenen Kampfgruppe. Als erstes wurde um Sanitätsmaterial und um einen Arzt gebeten ... Dann musste vor allem Verpflegung und später Munition für Handfeuerwaffen abgeworfen werden.... Das Kampfgeschwader 200 flog jetzt jede zweite oder dritte Nacht einen Versorgungsflug.« Selbst eine großangelegte Landeoperation zum Ausfliegen der Scherhorn-Brigade war ins Auge gefaßt und für Ende Oktober minutiös vorbereitet worden. Die Transportflieger kreisten bereits über der vorgesehenen und von einem extra eingeflogenen Flugplatzspezialisten der Wehrmacht präparierten Landebahn, ehe sie ein am Boden inszeniertes Scheingefecht zum Abdrehen zwang; sie mußten unverrichteter Dinge den Rückflug antreten. Noch Ende März 1945 erhielt Scherhorn einen von Generaloberst Heinz Guderian, Chef des Generalstabes der Wehrmacht, gezeichneten Funkspruch über seine Beförderung zum Obersten sowie Glückwünsche zur Verleihung des Ritterkreuzes ...

Bis dahin aber hatte das Empfangskomitee alle Hände voll zu tun; nicht jeder aus den eingeflogenen Gruppen fügte sich freiwillig dem Schicksal. Es galt, Fluchtversuche zu unterbinden oder nachhaltigere »Überzeugungsarbeit« zu leisten. So teilte »Unteroffizier« Kleinjung als vermeintlicher Leidensgefährte mehrere Tage lang die provisorische Zelle in der für die Gefangenen vorgesehenen Hütte mit einem störrischen Wehrmachtsfunker, um diesen peu a peu buchstäblich auf andere Gedanken zu bringen.

Kleinjung: »Fast zehn Monate lang ging dieses Spiel, bis zur Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945. Wie viele Gruppen von Agenten bei uns abgeworfen wurden, habe ich nicht gezählt, es waren aber sehr viele, so viele, daß wir diese Arbeit, die auf uns zukam, alleine nicht mehr bewältigen konnten.« Zur Verstärkung gehörten weitere ehemalige Interbrigadisten wie Hans Winkelmann, Walter Steffens, Karl Wegmann ... und der Österreicher Anton Dobritzhofer sowie Angehörige des Nationalkomitees Freies Deutschland, darunter die Mitglieder des BDO Rudolf Böhm(e), Gerd Gudzent, Hermann Schauer. Sie kamen zum Teil direkt von der Zentralen Antifaschule oder von anderen Partisaneneinsätzen zur Operation »Beresina«. 

»Am 8. Mai 1945«, so Kleinjung weiter, »erhielt unsere Funkzentrale vom deutschen Generalstab den letzten Funkspruch. Er lautete sinngemäß: Soeben hat Generalfeldmarschall Keitel die Kapitulationsurkunde unterschrieben. Der Krieg ist zu Ende. Wir können leider nichts mehr für euch tun. Ihr müßt selber versuchen, euch bis zur Heimat durchzuschlagen.« Auch Skorzeny bestätigte das, wenn er beschreibt, wie die deutschen Funker bis zuletzt an den Geräten blieben, obwohl die Versorgungsflüge für Scherhorn in den letzten Monaten aufgrund der Kriegslage zunächst immer weiter reduziert und schließlich ganz eingestellt werden mußten. »Sie hatten mit einzelnen Funkstationen der Kampfgruppe Scherhorn immer noch Verbindung. Immer wieder kamen verzweifelte Funksprüche durch. Bis zum 8. Mai 1945. Da war es auch mit dem Einsatz ‚Freischütz‘ zu Ende.«

In seinen bald nach Kriegsende erschienenen Memoiren äußerte der SS-Offizier zwar einige Zweifel: »Konnte es nicht sein, daß der russische Nachrichtendienst mit uns während der ganzen Zeit ein Spiel getrieben hatte? ... Vielleicht wird mir in der Zukunft eines Tages auch die Lösung dieses Rätsels gelingen.« Doch selbst in seinen späteren Erinnerungen verzichtete Skorzeny darauf, die inzwischen wohlbekannten Hintergründe aufzuhellen und öffentlich einzugestehen, dass und wie er mit seinem »Freischütz« zum Narren gehalten worden war.

Karl Kleinjung kehrte 1946 nach Deutschland zurück. Aufgrund seiner militärischen Erfahrungen war sein Einsatz in den neuen Schutz- und Sicherheitsorganen der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR gewissenmaßen vorgezeichnet: zunächst in der Volkspolizei, später im Ministerium für Staatssicherheit, in dem er von 1955 bis zu seinem Ausscheiden 1981 die für die Militärabwehr zuständige Hauptabteilung I leitete. Doch manche Geschichte – nicht nur aus dieser Zeit, sondern auch aus den Jahren des antifaschistischen Widerstands – wird nun unerzählt bleiben

 

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