Home Navigationspfeil Navigationspfeil Drafd Info 2003-07_Schuelerwet

Schüler würdigen deutsche Résistancekämpfer

Anlässlich des 40. Jahrestages des Elysée-Vertrages sind deutsche Widersstandskämpfer und andere Verfolgte des Naziregimes in Frankreich in einem Schülerwettbewerb in Frankreich und der Bundesrepublik gewürdigt und zu einem Symbol der Freundschaft zwischen beiden Ländern erklärt worden. Eine bilaterale Jury mit / aus Vertretern von Ministerien, Institutionen und Organisationen prämierte am 9. Mai in einer Sitzung in den Räumen des französischen Amtes für ehemalige Kriegsteilnehmer (ONAC) im Pariser Hotel des Invalides die Arbeit der Schüler des Lycée Chaptal in Mende (Lozére) als Gewinner des Wettbewerbs. Schüler dieser Oberschule hatten in wochenlanger Arbeit eine Tafelausstellung angefertigt, die vom Internierungslager für antifaschistische Emigranten und rassisch Verfolgte aus Deutschland und anderen Ländern in Rieucros bei Mende ausgeht. Die kommunistische Emigrantin aus Deutschland Dora Schaul, spätere Résistancekämpferin in Lyon, wird darauf ebenso geehrt wie die Schauspielerin Steffi Spira sowie der ehemalige Reichstagsabgeordnete der KPD Otto Kühne, der sich als Partisanenkommandeur im Departement Lozére auszeichnete.

Staatsangehörigkeit nicht entscheidend

Schüler dieses Departements erarbeitete eine vergleichende Analyse der Lebensläufe von Dora Schaul und des französischen Résistancekämpfers Marcel Pierre, der in ein Nebenlager des KZ Buchenwald deportiert worden war, und stellten fest: »Nicht die Staatsangehörigkeit machte aus Personen Widerstandskämpfer, sondern die Entscheidung für bestimmte Werte.« Das Lager Rieucros, seit Jahrzehnten eine Gedenkstätte, sei heute durch die gemeinsame Ehrung der Opfer der Naziherrschaft durch Deutsche und Franzosen zu einem Ort der freundschaftlichen Begegnung beider Länder geworden.

Gedichte von Kindern

Den Preis für französische Grundschulklassen erhielt die Schule Louis Torcatis in Rivesaltes (Pyrénées Orientales). Ähnlich wie in Mende hatten auch dort die Schüler die Verhältnisse in einem Internierungslager für ausländische Flüchtlinge, vor allem Angehörige der spanischen Republikanischen Armee, oft mit ihren Familien, in der bei Perpignan gelegenen Stadt untersucht. Dieses Lager, in dem auch jüdische Kinder vor ihrer Deportation festgehalten wurden, galt als Vorstufe für die Vernichtungslager in Polen. Den Lehrern der Schule ist es gelungen, Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren zu bewegenden kleinen Gedichten und Aufsätzen über Krieg und Frieden sowie Freundschaft zwischen allen Kindern zu veranlassen. Zwölfjährige beantworteten unter anderem die Frage, ob alle Deutschen für die Verbrechen während des zweiten Weltkrieges verantwortlich seien. »Nein«, meinte ein Mädchen, »es gab welche, die an Hitler glaubten, andere nicht. Alle Deutschen haben ihn nicht gewählt.« Ein anderer Schüler schrieb: »Ein Deutscher hat sogar versucht, Hitler zu töten.« Der erste Schritt zur Differenzierung, ein Blick von Kindern auf das »andere Deutschland« ...

Begrenzte deutsche Beteiligung

Insgesamt haben sich in Frankreich 19 Schulen in neun vom Ministerium für Jugend, Volksbildung und Forschung ausgewählten Departements an dem Wettbewerb beteiligt. Die eingereichten / daraus resultierenden Arbeiten bestehen aus Ausstellungen, Dokumentationen und Video-Filmen. Die Beteiligung deutscher Oberschüler an dem Wettbewerb - in nur vier Lehranstalten - kann mit den so ganz anders gearteten Verhältnissen in Frankreich kaum verglichen werden. Im Nachbarland förderten das für Volksbildung zuständige Ministerium und das dem Verteidigungsministerium zugeordnete Amt für ehemalige Kriegsteilnehmer den Wettbewerb. Das Verteidigungsministerium verfügt seit kurzem in allen Departements über junge Historiker, die die Pflege der Erinnerung an die Vergangenheit, besonders an die Résistance, aktiv fördern.

Der Jury gehörten zwar auch der deutsche Botschafter in Paris, Fritjof von Nordenskjöld, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller als Beauftragter für kulturelle deutsch-französische Zusammenarbeit und der Koordinator für die bilateralen Beziehungen, Rudolf von Thadden, an; doch keiner von ihnen nahm an den Beratungen zum Wettbewerb teil. So blieb als offizielle Partnerorganisation in der BRD nur der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der mit der ihm eigentlich fremden Aufgabe offensichtlich überfordert war. Da keine Volksschule am Wettbewerb teilnahm, wurde nur eine Klasse des Max-Planck-Gymnasiums in Lahr (Baden-Württemberg) prämiert. Diese Schüler gedachten in einer Dokumentation der zahlreichen Opfer während der beiden Weltkriege in Lahr und in der französischen Partnerstadt Dole (Jura). »Über die leidvollen Erfahrungen unserer Vorfahren haben sich unsere eigenen positiven Erfahrungen gelegt«, heißt es in einer Schilderung der heutigen freundschaftlichen Verbindungen zu Gleichaltrigen in Frankreich. »Wir sind froh, dass Deutschland und Frankreich anscheinend aus den beiden Weltkriegen gelernt haben und sich auf neue Kriege nicht einlassen wollen.«

Wichtig für die Prämierung der französischen Schulklassen, die u.a. den Beitrag Deutscher zur Résistance als Element der heutigen Freundschaft herausgestellt hatten, war das gemeinsame Auftreten von Vertretern französischer und deutscher Organisationen von Widerstandskämpfern in der Jury. Zusammen mit meinem französischen Kameraden Abel Farnoux, der den Verband »Mémoire des Résistants et des Déportés d’Europe« vertritt, unterstützte ich als Jurymitglied die Beiträge, die an Emigration und Widerstand von Emigranten auch aus Deutschland während der Naziokkupation erinnern.

Der bilaterale Schülerwettbewerb über die Grundlagen der deutsch-französischen Beziehungen soll künftig jedes Jahr stattfinden. Das beschloß die Jury in Paris unter dem Vorsitz des ehemaligen französischen Ministers André Bord. Die Sieger des diesjährigen Wettbewerbs werden zur Festveranstaltung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes anlässlich des 40jährigen Bestehens dieser Institution vom 29. Juni bis zum 5. Juli in Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste eingeladen. Dort werden auch die prämierten Wettbewerbsbeiträge ausgestellt. Der Ort der Veranstaltungen – vorgesehen sind ein Schülertreffen, ein Studentenseminar und ein Pädagogisches Forum – wurde nicht zuletzt deshalb ausgewählt, weil sich dort in den 30er Jahren ein Zentrum antifaschistischer deutscher Literatur herausgebildet hatte.

Gerhard Leo


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