Home Navigationspfeil Navigationspfeil DrafdInfo200408 Sommeroffensiv

Das Jahr 1944 brachte eine neue Qualität

Sowjetische Sommeroffensive band Hitlers Truppen auch nach der Landung in der Normandie vor allem im Osten.
Von Stefan Doernberg

 

Trat mit Stalingrad die Wende im Zweiten Weltkrieg ein, die dann 1943 vor allem mit der Schlacht im Kursker Bogen verfestigt wurde, so brachte 1944 eine neue Qualität. Die militärische Niederlage der deutschen Wehrmacht wurde derart unvermeidbar, dass sich dieser Erkenntnis niemand mehr verschließen konnte. Zu Beginn dieses Jahres war fast ganz Europa noch vom Aggressor besetzt, standen seine Truppen nicht nur an der Atlantikküste und am Mittelmeer, sondern weiterhin vor Leningrad, rund 300 Kilometer vor Moskau, am Dnepr und am Schwarzen Meer. Im Frühsommer hatte die Rote Armee aber bereits an vielen Stellen die Staatsgrenze der UdSSR erreicht, schickte sich zum weiteren Vormarsch an. Er sollte zur Befreiung weiter Teile Polens und Jugoslawiens, dem Ausscheiden Rumäniens, Bulgariens und Finnlands als Satelliten aus der Koalition der faschistischen Welteroberer führen. Die Vorbereitungen auf die Eröffnung der schon lange versprochenen »zweiten Front« waren abgeschlossen. Die folgende Befreiung Frankreichs von der deutschen Okkupation markierte ebenfalls den unausweichlichen Zusammenbruch des barbarischen faschistischen Regimes.

 Grafik: Link Wikipedia

In Erwartung der sowjetischen Sommeroffensive waren, als die westlichen Alliierten am 6. Juni 1944 die zweite Front eröffneten, 152 von 285 Divisionen des Feldheeres der Wehrmacht an der deutsch-sowjetischen Front eingesetzt und nur 54 in Westeuropa. Hinzu kamen im Osten 50 Divisionen und 18 Brigaden aus mit Hitlerdeutschland verbündeten Staaten. Am 22.Juni 1944 begannen die sowjetischen Armeen der drei belorussischen Fronten zwischen Witebsk und Kowel auf einer Frontlänge von fast 700 Kilometern mit der Operation »Bagration« zur Befreiung Belorusslands ihren zentralen Angriff auf die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht. Diese verlor innerhalb von wenigen Wochen mit 350 000 bis 400 000 Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen den Bestand von 28 ihrer 41 Divisionen bzw. drei von vier Armeen. Hinzu kamen weitere großangelegte Angriffsoperaionen gegen die Heeresgruppen Nord und Nordukraine der Wehrmacht. Allein bis Ende August hatte die Rote Armee den Gegner auf bis zu 1000 Kilometer Frontlänge um 550 bis 600 Kilometer zurückgeschlagen.

Das faschistische Deutschland war jetzt von zwei Seiten in eine Zange genommen. Die Aussicht auf eine baldige Befreiung aller europäischen Völker, auf die Wiederherstellung des Friedens nach dem furchtbaren Vernichtungskrieg wurde zur Gewissheit. Nach wie vor forderte der Kampf um die Rettung der menschlichen Zivilisation vor dem ihr drohenden Absturz in die Barbarei höchste Opfer. Besonders hartnäckig leisteten die gescheiterten Welteroberer ihren verbissenen Widerstand an der Ostfront. Hier hatten sie etwa zwei Drittel ihrer einsatzfähigen Truppen konzentriert. Vor allem mit der starken Heeresgruppe Mitte hofften sie, zumindest den kürzesten Weg nach der Reichshauptstadt weiter zu blockieren. Der Operation zur vollen Befreiung Belorusslands kam schon deshalb eine zentrale Bedeutung zu. Anfang Juli 1944 klaffte dann im Zentrum der Ostfront eine Lücke, die durch das OKW nur unter äußerster Kraftanstrengung an der Weichsel wieder geschlossen wurde. Noch war der Weg nach Berlin versperrt, konnte man sich in der Hoffnung wähnen, die »Festung Europa« gegen den »Ansturm aus Asien« im Interesse des »Abendlandes« zu verteidigen, wie das die Goebbels-Propaganda verkündete.
Die Schlacht in Belorussland hatte bereits vor ihrem Beginn eine Aufstockung der deutschen Truppen an der Westfront verhindert, da fast alle verfügbaren Reserven zur Abwehr der erwarteten Offensive der Roten Armee eingesetzt wurden. Auch später wurden weiterhin mehrere Divisionen von anderen Kriegsschauplätzen dorthin verlegt, wo sich die Gefahr einer offenen Bresche an der Weichsel anbahnte.
In mehreren Kesselschlachten war noch im Juni das Gros der Heeresgruppe Mitte zerschlagen worden. Allein in den Kesseln im Raum von Witebsk und Bobruisk wie danach von Minsk wurde fast die Hälfte aller Divisionen der Heeresgruppe Mitte zerschlagen. Weit über 50 000 Soldaten und Offiziere der Wehrmacht, darunter nicht wenige Generale, gerieten in Gefangenschaft. Viele von ihnen hatten es vorgezogen, auf diese Weise den Krieg wenigstens für sich selbst zu beenden. Zu den Ergebnissen dieser Kesselschlachten gehörte es auch, dass durchaus viele Angehörige der Wehrmacht, wesentlich mehr als früher, dem von ihnen geleisteten Eid auf den »Führer« abschworen und sich dann auch zum Wirken des Nationalkomitees »Freies Deutschland« bekannten. Unter ihnen war Generalleutnant Vincenz Müller, der sich als Korpskommandeur mit den Resten seiner Truppen gefangengab, offen und laut vernehmlich die Gefolgschaft gegenüber der Heeresgruppe und allen Kriegsverlängern aufkündigte.
An der Befreiung Belorusslands im Sommer 1944 hatte auch die Partisanenbewegung einen nicht geringen Anteil. Mit über 150 000 Kämpfern kontrollierte sie bereits im Frühsommer etwa die Hälfte des Territoriums der Republik. Ihre Anschläge galten vor allem den Verkehrssträngen wie einzelnen Waffendepots. Sie erschwerten den Rückzug vieler Wehrmachtseinheiten, handelten dabei in enger Abstimmung mit den angreifenden Einheiten der Sowjetarmee. Vergleichbar mit dem Beitrag der belorussischen Partisanen sollte sich im Herbst 1944 der Anteil der jugoslawischen Partisanen an der Befreiung von Belgrad und weiter Teile Serbiens erweisen. Als Bestandteil der Nationalen Befreiungsarmee unter Josip Broz Tito leisteten sie zweifellos einen noch größeren Beitrag zur Befreiung ihrer Heimat von der deutschen Okkupation. Mit der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte in Belorussland wie der Landung amerikanischer und britischer Truppen in der Normandie wurde die Schlussphase des von Hitlerdeutschland entfesselten Vernichtungskrieges eingeläutet. Eben das beschleunigte in einigen Kreisen des deutschen Großkapitals wie auch bei manchen Militärs Vorbereitungen auf eine »Zeit nach Hitler«. Sie gipfelten in der Verschwörung gegen das NS-Regime und im gescheiterten Attentat auf Hitler am 20.Juli. Auf den Verlauf des Krieges hatten sie, auch die mutige Tat des Oberst Stauffenberg, leider keinen Einfluss. Auf das Blutkonto der faschistischen Aggressoren, der politischen wie militärischen Führung sollten noch weitere Millionen Opfer kommen. Sie hatten ihr Vabanquespiel nicht aufgegeben, hofften verzweifelt, doch noch die Alliierten der Antihitlerkoalition entzweien und so Voraussetzungen für ihre eigene Rettung schaffen zu können. Diesem so abenteuerlichen Widersinn fielen dabei im letzten Kriegsjahr sogar mehr Deutsche, unter ihnen viele Zivilisten, zum Opfer als in der vorangegangen fünf Jahren. Den Zusammenbruch des schlimmsten barbarischen Systems konnte die Kriegsverlängerung nicht verhindern. Dabei trugen auch weiterhin die sowjetischen Streitkräfte die Hauptlast im gemeinsamen Kampf der Antihitlerkoalition zur Befreiung aller europäischen Völker, das deutsche eingeschlossen.