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Nichts gewesen außer Spesen

Operation Beresina

 

Die Order für die Operation »Beresina« wurde 1944, am Vorabend der Offensive der Roten Armee in Weißrussland, von Stalin persönlich erteilt. Ziel war es, die eingekesselten deutschen Einheiten in Weißrussland zu schwächen, die sich durchaus noch stark genug fühlten, die sowjetischen Verbindungs- und Nachschublinien zu stören.Das später als »erfolgreichstes Funktäuschungsmanöver des ganzen Krieges« bezeichnete Unternehmen startete im Sommer 1944 und führte bis zur Beendigung des Zweiten Weltkrieges den gesamten deutschen Generalstab sowie die deutschen Geheimdienste mittels eines operativen Spiels in die Irre. Karl Kleinjung in den verschneiten belorussischen Wäldern

Geleitet wurde die Aktion vom damaligen Chef der 4.Verwaltung, Generalleutnant Sudoplatow und an der Basis- in den Wäldern von Belorussland und Litauen - von seinem Stellvertreter, Generalmajor Eitingon. Eine zentrale Rolle in dem Unternehmen spielte Oberstleutnant Heinrich Scherhorn, der mit seinem einst 2.500 Mann starken Wehrmachtsregiment 1944 an der Beresina von der Sowjetarmee aufgerieben worden war und sich in der Gefangenschaft zur Zusammenarbeit mit der sowjetischen Seite bereit erklärt hatte.

Dass das Manöver bis zum Schluss von den Deutschen unentdeckt blieb, zeigt die Tatsache, dass Scherhorn noch kurz vor Kriegsende, am 23. März 1945, auf Grund seiner »heldenhaften Taten« mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet und zum Oberst befördert worden war.

Karl Kleinjung, ehemaliger Spanienkämpfer und Partisan, war gemeinsam mit anderen ehemaligen Kampfgefährten und Mitgliedern des Nationalkomitees Freies Deutschland an der Operation beteiligt. Die Zusammenfassung der Ereignisse beruht auf seinen Erinnerungen.

Geheim, geheimer, am geheimsten

Anfang August 1944 war ich gemeinsam mit meinem Kampfgenossen und Freund Gustav Rebelen sowie mit Otto Schliwinski und einer Spezialgruppe der damaligen 4. Verwaltung des NKGB zur Liquidierung polnischer und litauischer Banden in den Wäldern von Litauen und Polen eingesetzt. Wir nahmen an mehreren solcher Einsätze teil. Nach einigen Monaten wurden wir zur Operation »Beresina« abkommandiert. Der Einsatzstab befand sich tief im belorussischen Wald, ungefähr 100 km von Minsk entfernt, in einem größeren Dorf. Hier wurden wir dem deutschen Oberstleutnant Heinrich Scherhorn als drei deutsche Kommunisten vorgestellt. Scherhorn war sichtlich erfreut, Deutsche zu sehen und sich mit ihnen unterhalten zu können. Er war zuvor mit seinem Regiment von der Sowjetarmee im Kampf geschlagen worden. Er und einige andere, darunter auch der Funker, gerieten in Gefangenschaft. In zahlreichen Gesprächen wurden sie zur Zusammenarbeit bewegt und erklärten sich zu einem einzigartigen Funkspiel mit dem deutschen Generalstab bereit.Mit diesem gefälschten Ausweis war Karl Kleinjung als Partisan in Belorussland unterwegs

Scherhorn nahm also die Verbindung  mit seiner vorgesetzten Stelle auf und täuschte vor, dass er sich mit seinem Regiment, welches in harten Abwehrkämpfen hohe Verluste erlitten hätte, in die Wälder Belorusslands zurückge- zogen habe und nun Unterstützung, Waffen, Munition und Verpflegung benötige, um sich kämpfend zur Hauptkampflinie durchschlagen zu können. Anfang September rief Eitingon Rebelen, Schliwinski und mich zu sich und informierte uns, dass es jetzt ernst wird. Am nächsten Tag würde eine Gruppe von vier bis fünf deutschen Agenten auf unserer Wiese vom Flugzeug abgesetzt werden. Diese sollten wir drei als Deutsche und Angehörige des angeblichen Regiments Scherhorn in Empfang nehmen. Am selben Tag erhielten wir noch Verstärkung. Zu uns stieß Felix Scheffler, den ich schon von einem Einsatz im Hinterland des Feindes im Raum Minsk her kannte, wo er bei der Brigade »Stalin« kämpfte. Wir erhielten genaue Informationen, wurden in unseren Auftrag eingewiesen, und es wurde uns mitgeteilt, wie wir uns verhalten sollten. Nach eingehender Beratung wurde der Absprung für die Nacht in der Zeit zwischen 01.00 und 02.00 Uhr ausgemacht. Auf einer etwa 100 mal 200 Meter großen Wiese sollten Otto Schliwinski und ich die Deutschen nach dem Absprung empfangen, uns mit ihnen sofort deutsch unterhalten, damit sie glaubten, sie wären gut beim Regiment Scherhorn gelandet.  Leitete die Operation Beresina: Generalleutnant Sudoplatow

Natürlich waren wir mit deutschen Uniformen und Rangabzeichen ausgerüstet, die Schliwinski, Scheffler und mich als Unteroffiziere und Rebelen als Leutnant auswiesen; dabei waren ebenfalls einige sowjetische Tschekisten, die ein paar Worte deutsch konnten. Letztere deckten unsere Handlungen in einiger Entfernung ab, um uns so, wenn es notwendig war, sofort zu Hilfe zu kommen, denn mit Komplikationen musste man immer rechnen, da es sich bei den abspringenden Personen um ausgebildete Diversanten handelte, die als Einzelkämpfer ausgebildet waren und bereits an manchen Stoßunternehmen teilgenommen hatten.

Sprünge aus den Wolken

So wie vorgesehen, in der Zeit zwischen 01.00 Uhr und 02.00 Uhr in der Nacht, hörten wir in der Ferne Motorengeräusch von einem Flugzeug, das sich unserer Wiese näherte. Wir steckten das Signalfeuer an. Das Flugzeug, eine He 111, überflog die Wiese, zog eine große Schleife, kam uns aus einer Höhe von 300 bis 400 m entgegen und warf über uns einige Verpflegungsbomben sowie zwei Personen ab. Dann zog es eine Schleife und der Vorfall wiederholte sich.

Bei den ersten beiden Abgesprungenen, die Otto Schliwinski und ich in Empfang nahmen, handelte es sich um den Führer der Gruppe und einen Funker, beides deutsche SS-Leute. Die beiden anderen Personen waren Agenten des deutschen Geheimdienstes, die aus Litauen, Lettland und Estland kamen. Sie wurden von den sowjetischen Tschekisten in Empfang genommen und sofort abgeführt. In der Zeit, in der dieses geschah, mussten wir mit unseren beiden Deutschen schon ein großes Stück von dem Geschehen entfernt sein, damit diese nicht merkten, was sich dort abspielte. Wir sagten unseren beiden, dass ihre Kameraden zu unserer Basis gebracht werden, auf sie aber der Regimentskommandeur Oberstleutnant Scherhorn warte, der sie persönlich sprechen wolle. Auf dem ungefähr einen Kilometer langen Weg zu Scherhorn nutzten wir die Zeit, um uns mit den beiden über die »Heimat« zu unterhalten, wie es dort aussieht usw. Wir hatten die beiden stets so im Blick, dass wir - sollten sie etwas merken und zur Waffe greifen - immer schneller am Drücker wären als sie. Obwohl uns Eitingon ständig einschärfte, alles so zu machen, dass nicht geschossen werden muss, denn wir brauchten alle lebend, sagte er aber auch, wenn es um euer Leben geht, dann handelt der Situation entsprechend. Euer Leben ist wichtiger als alles andere. Von Otto Schlewinski und mir wurden nun die beiden Deutschen zum Regimentskommandeur Scherhorn gebracht. Er befand sich in einem kleinen Zelt, in dem sich nur ein Tisch und zwei Stühle befanden. Im Zelt hielt sich außer Scherhorn noch Gustav Rebelen auf, der als sein Adjutant fungierte. Angekommen zog der Führer der abgesprungenen deutschen Gruppe eine  Fotografie von Scherhorn aus der Tasche und identifizierte ihn als den richtigen Mann. Erst dann meldete er vorschriftsmäßig seine Ankunft. Otto Schliwinski und ich verließen nun das Zelt und warteten draußen. Nach Beendigung des Gesprächs geleiteten wir die beiden Deutschen zu unserer angeblichen Hauptbasis, die etwa zwei Kilometer entfernt war. Nachdem wir ungefähr einen Kilometer zurückgelegt hatten, passierten wir in der Nähe eines kleinen Dorfes eine Kreuzung, wo ein ausgebrannter deutscher Panzer stand. Links und rechts der Kreuzung befand sich dichtes Unterholz, in dem etwa zehn bis zwölf bewaffnete Genossen warteten, die uns auf der Höhe des Panzers festnehmen und entwaffnen sollten. In dem Moment, wo der Ruf »Hände hoch« erscholl, rissen Schliwinski und ich sowie die beiden Faschisten die Hände hoch und ließen uns abführen.

Wir wurden in ein Haus am Waldrand gebracht und voneinander getrennt. Die beiden Deutschen wurden einer Vernehmung unterzogen. Nach wenigen Tagen erklärten sie sich zur Mitarbeit bereit und meldeten ihrer vorgesetzten Stelle über Funk, dass die Gruppe am Ziel gut angekommen sei und Scherhorn sich für die Hilfe bedanke. Als Antwort kam, dass am nächsten Tag eine weitere Gruppe von fünf Mann zur Unterstützung abspringen werde. Diese wurde dann ebenfalls von uns auf dieselbe Art empfangen. Auch diese Gruppe kapitulierte und arbeitete mit uns zusammen. Nach ihr kam die vierte Gruppe usw. Die deutschen Flugzeuge setzten nicht nur Agenten und Spezialisten wie z. B. Ärzte ab. Sie brachten auch Essen, Bekleidung, Waffen, Munition und Medikamente, denn das Regiment Scherhorn musste mit allem versorgt werden, was für den Kampf benötigt wurde. In Funksprüchen wurde Scherhorn ständig aufgefordert, den Rückmarsch zur deutschen

Hauptkampflinie anzutreten. Worauf dieser prompt die Schwierigkeiten schilderte, die die ca. 200 Verwundeten, darunter viele Schwerverletzte, mit sich brächten, wenn sich die Truppe zudem auch noch den ständigen Abwehrkämpfen mit dem Gegner stellen müsse.

Scheingefechte im Wald

Auf Grund eines Funkspruches, dass mit Hilfe schwerer Transportflugzeuge Kranke, Verwundete sowie ein Teil der Gruppe Scherhorn evakuiert werden sollten, entstand eine neue Lage. Was nun? Wir hatten den Befehl, wie immer die vier Feuer auf dem Flugplatz anzuzünden, aber kein Signalfeuer zu setzen und bei Anflug des ersten Flugzeuges aus vollen Rohren auf den Flugplatz und die Umgebung zu feuern und Handgranaten zu werfen, damit es aussieht, als würde sich das Regiment Scherhorn in schwerem Kampf befinden. So geschah es auch. Genau zur angegebenen Zeit hörten wir aus der Ferne das Motorengeräusch eines Flugzeuges. Wir zündeten nun unsere vier Feuer an und eröffneten eine wilde Schießerei. Die Nacht war sehr dunkel und es sah durch das Aufblitzen der Mündungsfeuer aus den Gewehren und Maschinenpistolen und das Explodieren der Handgranaten wirklich so aus, als wäre ein großes Gefecht im Gange.

Aber trotz der Schießerei, des Lärms und des Fehlens des Signalfeuers, das aussagte, dass nicht gelandet werden kann, nahm die Besatzung des ersten Transportflugzeuges davon keine Notiz. Sie flog in einer Höhe von 100 m über uns hinweg, zog zwei bis dreimal eine große Schleife, schaltete die Scheinwerfer an und versuchte zu landen. Es war eine hartnäckige Besatzung. Wahrscheinlich, um zu sehen, was da unten los sei, flog sie mehrmals in geringer Höhe über unsere Köpfe hinweg. Um die Landung zu verhindern, löschten wir die vier Feuer. Nach zehn bis 15 Minuten näherte sich ein zweites Transportflugzeug. Dieses zog eine Schleife in großer Höhe und dann - wahrscheinlich nach

Verständigung mit der Besatzung des ersten Flugzeuges - flogen beide zu ihrer Basis zurück.

Virtueller Abzug eines scheinbaren Regiments

Vom deutschen Generalstab wurde Scherhorn nun aufgefordert, er solle mit seinem Regiment versuchen, die Seenplatten an der lettisch-litauischen Grenze zu erreichen. Dazu sollte er zwei Marschgruppen bilden, um auf verschiedenen Wegen das Ziel zu erreichen. Man rechnete damit, dass die Seen zugefroren seien und als Flugfeld genutzt werden könnten. So setzten sich also eine Gruppe in südlicher und eine andere in nördlicher Richtung in Bewegung. Ganz langsam natürlich, damit dieses Spiel mit dem deutschen Generalstab und seinen Geheimdiensten möglichst lange weitergeführt werden konnte. Der deutsche Generalstab, sein Geheimdienst und die Geheimdienste der faschistischen Führungsspitze waren von der Existenz des Regiments Scherhorn so überzeugt, dass sie sogar für Kämpfer der Marschgruppen Beförderungen und Auszeichnungen bestätigten, die Scherhorn für Tapferkeit im Gefecht eingereicht hatte. Diese wurden mit dem nächsten Versorgungsflug abgeworfen. Die scheinbare Existenz des 2.000 Mann starken Regiments führte dazu,  dass über Monate hinweg unvorstellbare Mengen Verpflegung und Material abgeworfen wurden, die unsere Lager auffüllten.

Mit einer He 111 wurden Verpflegungsbomben und Personen abgeworfen

Die Kräfte, die an der Operation »Beresina« mitarbeiteten, waren gewaltig angewachsen. Unsere Basis, von der aus wir bislang operiert hatten, bestand anfänglich aus zwei Dörfern und deren Umgebung. Doch das war wesentlich zu klein geworden. Weitere Ortschaften wurden mit einbezogen. So entstand eine Kommandantur mit einem Rückwärtigen Dienst und einer Nachrichtenzentrale (Funkzentrale); denn die vielen Funker, die wir selbst besaßen und die vielen, die abgesprungen waren, mussten ständig eine feste Verbindung zu ihren Zentralen bzw. Auftraggebern halten.

Ende im Gelände und vorbei die Fliegerei

Unsere Operation »Beresina« lief also auf vollen Touren. Ende Januar, Anfang Februar 1945 stellten wir jedoch fest, dass die Zeitabstände in denen die deutschen Flugzeuge uns anflogen, immer größer wurden. Es kam vor, dass wochenlang kein Flugzeug gesichtet wurde. Der Grund war wohl, dass die Sowjetarmee ihre Offensiven mit Erfolg führte und sich bereits der deutschen Grenze näherte. Für die faschistischen Flieger wurde die Entfernung von ihrer Abflugbasis bis zu uns immer größer. Benzin und andere Mittel, die wir benötigten und anforderten wurden bei ihnen immer knapper und standen nicht mehr zur Verfügung.

Unsere Funksprüche wurden zahlreicher und dringlicher. Was war los? Hatte man uns aufgegeben? Von Mal zu Mal wurden wir vertröstet. Um die Aktivitäten zu beleben, versuchten wir es mit einer neuen Legende. Wir teilten dem deutschen Generalstab mit, dass eine unserer Vorausabteilungen die Seenplatten bei Daugapils erreicht habe, das Eis zum Landen der Flugzeuge dick genug sei und baten, um nicht verhungern zu müssen, um Versorgung mit dem Nötigsten sowie um Bergung der Verwundeten. Doch die Situation der Deutschen war durch den unaufhaltsamen Vormarsch der Alliierten zunehmend schlechter geworden.

Es war weder an eine Versorgung, noch ans Abholen zu denken. Da unsere Arbeit sich nun reduzierte, verlegten wir unseren Stab in die Nähe von Minsk. Minsk 1944
Die anderen Teile verblieben bis auf Abruf an Ort und Stelle in den Planquadraten der Abwurfstellen. Gustav Rebelen, Otto Schliwinski und ich wurden ebenfalls mit dem Stab verlegt.

Nun ging der Krieg mit großen Schritten seinem Ende zu. Die Sowjetarmee hatte schon die Oder überschritten und führte die letzte Offensive, um Berlin einzunehmen und den Krieg zu beenden.

Immer noch hatte unsere Funkzentrale Verbindung zum deutschen Generalstab. Am 8. Mai 1945 bekamen wir dann den letzten Funkspruch. Er lautete sinngemäß: Soeben hat Generalfeldmarschall

Keitel die Kapitulationsurkunde unterschrieben. Der Krieg ist zu Ende. Wir können leider nichts mehr für euch tun. Ihr müsst selbst versuchen, euch bis zur Heimat durchzuschlagen. Wir wünschen euch viel Glück und alles Gute dazu.■

Wir entnahmen die Erinnerungen der Broschüre »Interbrigadisten im Kampf gegen Skorzeny. Das erfolgreichsteFunktäuschungsmanöver des 2. Weltkrieges. Erinnerungen des Interbrigadisten und Partisans Karl Kleinjung «

Die 45-seitige Broschüre wurde vom Verein Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 herausgegeben.

Bestellungen unter 030-65 49 58 00 oderper mail unter

Weiter Informationen auch in der Drafd Info vom Juni 2003