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Prägende Jahre im Exiloder

Vom Broadway nach Berlin

Lore Krüger: Ein Leben, das sich nicht im Telegrammstil abhandeln lässt

 

Ein Leben, das sich nicht im Telegrammstil abhandeln läßt: Zum Tod der Antifaschistin Lore Krüger (oder: Erinnerung an Lore Krüger)

Anfang April haben wir gemeinsam mit Angehörigen, Freunden und Weggefährten in einer feierlichen Gedenkstunde in Berlin Abschied genommen von Lore Krüger. Die gelernte Porträtfotografin, Übersetzerin und Dolmetscherin war im Monat zuvor, wenige Tage vor ihrem 95. Geburtstag, gestorben. Die Nachricht von ihrem Tod kam überraschend für viele, die sie kannten. Die sie kannten - das waren vor allem ihre Kameraden aus dem antifaschistischen Widerstand, von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, von der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), ihre Mitstreiter aus dem Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung „Freies Deutschland" (DRAFD) wie dem Verein „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939" (KFSR).

Und nicht zuletzt sind es diverse junge Leute, denen diese zierliche, agile und doch energische Person noch im hohen Alter Erfahrungen ihres Lebens vermittelte, Erfahrungen, die auch für die Kämpfe der Gegenwart ins Gewicht fallen, wie die FIR in ihrem Nachruf für das Ehrenmitglied ihres Präsidiums hervorhob. Wiederholt besuchte sie gemeinsam mit jungen Leuten KZ-Gedenkstätten, fuhr mit Jugendgruppen ins französische Oradour oder ins belgische Dinant, um dort die von DRAFD gestaltete Ausstellung „Deutsche in der Résistance" zu präsentieren. Oft war sie als Zeitzeugin zu Podiumsgesprächen eingeladen - nicht zuletzt an Schulen. So berichtete sie im Sommer 2003 zum Beispiel an der Oskar-Schindler-Oberschule in Berlin-Hohenschönhausen vor angehenden Abiturienten aus ihrem bewegten Leben: „ganz kurz" oder „im Telegrammstil", pflegte sie ihre Vorstellung einzuleiten. Doch aus solcherart Ankündigung wurde, wie ich selbst wiederholt miterleben durfte, meist mehr als eine hochinteressante Stunde - voller Geschichte und Geschichten.

An einige solcher Geschichten erinnerten VVN-BdA-Bundessprecher Heinrich Fink und FIR-Generalsekretär Ulrich Schneider an jenem Apriltag in ihren Ansprachen zum Gedenken an diese ungewöhnliche und stets bescheidene Frau, die bis zuletzt eine unverzagte Aufklärerin und Streiterin für Toleranz und Gerechtigkeit war.

Geboren 1914 als Lore Heinemann in Magdeburg, floh sie 1933 mit ihrer jüdischen Familie vor dem braunen Terror aus Deutschland. Während ihre Eltern nach Spanien emigrierten, ging sie zunächst als Hausangestellte nach Großbritannien - „obwohl ich nicht einmal kochen konnte". Einen Beruf durfte sie da aber nicht erlernen, so folgte sie 1934 ihren Eltern, die inzwischen im Exil auf der Insel Mallorca lebten, nach Spanien. In Barcelona absolvierte sie eine Ausbildung als Fotografin, die sie ab Mai 1935 in Paris als Schülerin der französischen Malerin und Fotografin Florence Henri fortsetzte. Hier lernte sie viele deutsche Emigranten kennen, so auch Walter Benjamin und Johann Lorenz Schmidt alias Laszlo Radvanyi, den Mann von Anna Seghers, was ihren künftigen Lebensweg wesentlich beeinflußte. Sie fand Anschluß an die KPD-Emigration und engagierte sich ab Sommer 1936 in der Solidaritätsbewegung für das republikanische Spanien.

Nach dem verhängnisvollen Sieg Francos im Frühjahr 1939 galt die Sorge insbesondere den in Frankreich internierten Angehörigen der Internationalen Brigaden, zu denen auch ihr späterer Mann Ernst Krüger (1895-1970) gehörte, ein von den Faschisten verfolgten KPD- und Gewerkschaftsfunktionär. Deren Schicksal mußte sie 1940 selbst eine Zeitlang teilen, da sie wie Tausende andere deutsche Emigranten nach dem Überfall Hitlers auf Frankreich als „feindliche Ausländerin" ebenfalls interniert worden war. Gemeinsam mit anderen dem berüchtigten Lager in Gurs entkommen, machte sie sich trotz fehlender Aufenthaltsgenehmigung und sonstiger Papiere dank ihrer profunden Sprachkenntnisse - nach Englisch und Spanisch hatte sie auch Französisch gelernt - in Toulouse und Marseille um die Ausreise vieler internierter Spanienkämpfer und Emigranten verdient. Mit dem schließlich besorgten und heißersehnten Sammelvisum für Mexiko in der Tasche, machten sich so auf einem total überfüllten Frachtschiff Hunderte auf den Weg nach Übersee. Mexiko war das einzige Land der westlichen Hemisphäre, das bereit war, Spanienkämpfer, denen die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt war, in größerer Zahl aufzunehmen.

Die Passage endete jedoch nicht in Mexiko, sondern im Juni 1941 im Hafen von New York und für die meisten Emigranten erneut in einer Internierung, diesmal auf Ellis Island. Die konnte, nicht zuletzt dank Lore Krügers früherer Pariser Bekanntschaft mit Kurt Rosenfeld, einem noch in den 30er Jahren in die USA ausgewanderten Rechtsanwalt und linken Sozialdemokraten, relativ rasch überwunden werden. Mit Unterstützung einer von diesem geleiteten antifaschistischen Gewerkschaftsorganisation, der German American Emergency Conference, wurde schließlich die zunächst monatlich, dann wöchentlich erscheinende Zeitschrift „The German American" ins Leben gerufen. Die sollte - halb englisch, halb deutsch geschrieben - in den USA über den Faschismus aufklären und ein Bild vom dort weitgehend unbekannten „anderen" Deutschland vermitteln. Ab 1943 wurde diese Zeitung mehr und mehr im Sinne der inzwischen entstandenen Bewegung „Freies Deutschland" wirksam. Als Übersetzerin und Autorin und gelegentlich auch Fotografin mit dabei: Lore Krüger, deren Mann als Geschäftsführer seinen Sitz in einem kleinen Büro am Broadway hatte.

1946 kehrte Lore, erneut hochschwanger, gemeinsam mit ihrem Mann und der 1942 geborenen Tochter Susan auf beschwerlichen Umwegen nach Deutschland zurück. Im Gegensatz zu anderen namhaften Gefährten des antifaschistischen Exils - stellvertretend seien hier nur die Mitarbeiter des „German American" Gerhart Eisler, Albert Norden oder Albert Schreiner genannt - geriet Lore nicht ins Rampenlicht einer politischen Karriere; das war nicht zuletzt einer Erkrankung geschuldet, die es ihr unmöglich machte, ihren Beruf als Fotografin auszuüben. So folgte sie dem Angebot von Max Schroeder, dem Leiter des neugegründeten Aufbau-Verlages, mit dem sie schon beim „German American" zusammengearbeitet hatte, als Dolmetscherin bzw. Übersetzerin tätig zu werden. So machte sie sich in der DDR einen - vielen allerdings kaum bekannten - Namen als Literaturübersetzerin u. a. von Daniel Defoe, Robert Luis Stevenson oder Mark Twain, dessen „Tom Sawyer" oder „Huckleberry Finn" wohl noch heute mancher im Buchregal zu stehen hat.

Erst wenige Wochen vor ihrem Tod hat Lore Krüger die vor Jahren begonnene Arbeit an ihren Erinnerungen beenden können. Bleibt zu wünschen, daß sie alsbald einen Verleger finden werden: Ihre hier nur andeutungsweise, quasi im Telegrammstil wiedergegebenen Lebenserfahrungen sind es allemal wert.

Peter Rau