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Der Fall Weiß – Hitlers heimtückischer Plan

Mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz wurde das Signal für den Einmarsch in Polen gegeben

Geschickt verbarg das NS-Regime sein Programm, einen Krieg zu entfesseln. Im November 1938 offenbarte Hitler in einer Rede vor Chefredakteuren der Inlandspresse, was von seinen Friedenserklärungen zu halten ist: »Die Umstände haben mich gezwungen, jahrelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillen und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig ist.« Die Irreführung der Weltöffentlichkeit - das war das Ziel Hitlers, Irreführung des Auslandes und der eigenen Bevölkerung über die wirklichen Ziele seines Regimes.

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Unter dem Decknamen »Fall Weiß« legte Hitler den Angriffsplan auf Polen bis zum August 1939 vor. Damit war ein weiterer wichtiger Schritt zum Überfall auf die UdSSR getan.

Diese Täuschung gelang, obwohl man nur genauer hinhören oder hinsehen musste, um Zweifel an der Friedensliebe des NS-Regimes zu bekommen. Das Gesetz vom 16. März 1935 zum Aufbau der Wehrmacht verbunden mit der allgemeinen Wehrpflicht war das Signal zur offenen Aufrüstung. Die Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung im Sommer 1937 blieb der Weltöffentlichkeit nicht verborgen, wurde aber nicht als Gefahr für den Weltfrieden erkannt.

Nach der Annexion Österreichs und der Resttschechoslowakei 1938/39 ohne einen offenen Krieg führen zu müssen, legte Hitler am 23. Mai 1939 unter dem Decknamen »Fall Weiß« den Angriffsplan gegen Polen bis zum August 1939 vor. Hitler erläuterte den Befehlshabern »Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht, sondern die Gewinnung von Lebensraum im Osten.« Bereits im Juni 1939 gab das Oberkommando der Wehrmacht die Aufmarschanweisung für den Feldzug gegen Polen heraus. »Danzig ist deutsch, wird stets deutsch bleiben und früher oder später wieder zu Deutschland kommen« Mit diesem Satz läutete Hitler im Januar 1939 eine neue Runde in seinem Revisionsprogramm ein. Er beriet zu diesem Zeitpunkt mit dem polnischen Außenminister, Oberst Josef Beck, die Situation in und um Danzig. Bisher war das Verhältnis zwischen den beiden Ländern freundlich gewesen. Der deutsche Diktator wünschte sich Polen als Partner und als Bollwerk gegen die Sowjetunion. Der polnische Außenminister wich den Lockungen der NS-Regierung geschickt aus, indem er notwendige Rücksprachen in der polnischen Regierung vorgab.

Radiosender GleiwitzNach den vergeblichen Bemühungen Nazideutschlands, Großbritannien und Polen als Verbündete für seine gegen die Sowjetunion gerichtete Politik zu gewinnen, konzentrierte sich Hitler darauf, bei erster passender Gelegenheit, Polen anzugreifen. Seine Forderungen an Polen waren auch diesmal nur Vorwände, um einen Anlass und eine Rechtfertigung für die geplante Kriegseröffnung zu erhalten. ‰

Fortsetzung von Seite 7 Ab Mai 1939 wurden bewaffnete Offiziere und Mannschaften in den Freistaat Danzig geschmuggelt. In einer scharfen Note erklärte die polnische Regierung, sie werde jeden Versuch seitens der Reichsregierung, Polens Rechte in Danzig zu beeinträchtigen als Aggressionsakt betrachten. Polen ließ sich nicht einschüchtern. Ab Mitte August 1939 setzte eine zielgerichtete antipolnische Propagandakampagne ein. Sie verschärfte die Themen in Bezug auf den Status der Stadt Danzig »als freie exterritoriale Stadt«, die nun wieder »heim ins Reich« geholt werden müsse. Täglich berichteten die Massenmedien sensationell aufbereitet über meist frei erfundene Schilderungen brutaler Terrorakte gegen die in Polen lebende deutsche Minderheit. Hinzu kam die Behauptung, die polnische Regierung plane einen Angriffskrieg gegen Deutschland. Der so mehrgleisig angelegte Propagandafeldzug gegen Polen verfolgte innenpolitisch gesehen das Ziel, direkte Bedrohungsgefühle zu wecken und zugleich eine Solidaritätswelle mit den angeblich verfolgten Deutschen in Polen auszulösen. Ferner sollte mit der Lüge über die polnischen Kriegsabsichten die Notwendigkeit eines militärischen Vorgehens als unausweichlich propagiert werden.

Die polnische Generalmobilmachung am 30. August 1939 bot eine willkommene Gelegenheit, die eigenen geheimen Kriegsvorbereitungen als Verteidigungsmaßnahmen umzumünzen. Die Vorbereitungen für den angeblichen Vorwand des deutschen »Gegenschlages« liefen bereits seit Wochen. Am 8. August 1939 rief Heydrich mehrere SS-Offiziere zu einer geheimen Beratung in die Wilhelmstraße 102 in Berlin. Heydrich erläuterte den Anwesenden, dass für den Fall, dass Polen keinen »Übergriff« an der Grenze unternehme, man darauf vorbereitet sein müsse, diesen Übergriff selbst vorzunehmen. Die SS-Offiziere wurden belehrt, dass sie für die streng geheime Aktion »Unternehmen Tannenberg« ausgewählt seien.

Noch am gleichen Tag befahl Heydrich dem SS-Sturmbahnführer Naujocks, einen Überfall auf den deutschen Radiosender Gleiwitz vorzubereiten. Die Station lag an der deutsch-polnischen Grenze in Oberschlesien. Parallel dazu wurden zwei weitere Aktionen in der Nähe von Gleiwitz vorbereitet, nämlich in Hochlinden und Pitschen. Als Vorbereitungsort wurde die SD-Schule in Bernau ausgewählt. Hier übten die SS-Männer intensiv den Anschlag, lernten polnische Kommandos und lagerten polnische Waffen und Uniformen für den hinterhältigen Anschlag. Für den »Tag X« standen 150 polnische Uniformen nebst Waffen und Soldbüchern bereit. Als eindeutigen Beweis für den »polnischen Überfall« waren KZ-Häftlinge vorgesehen, die nach ihrer Ermordung durch Spritzen als »Gefallene« präpariert und in Gleiwitz der Öffentlichkeit präsentiert werden sollten.

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1. September 1939: Deutsche Truppen reißen die Schlagbäume an der Grenze zum Nachbarland Polen nieder

Am späten Abend des 31. August 1939 wurde die Aktion »Tannenberg« durchgeführt. Fünf SS-Männer unter Naujocks Führung drangen in polnischen Uniformen in das Sendegebäude ein, fesselten das Dienstpersonal sowie den Wachhabenden des Objektschutzes. Naujocks Dolmetscher verlas am Mikrofon des Senders den vorbereiteten Aufruf zum Widerstand gegen die deutsche Obrigkeit in polnischer Sprache, vermischt mit deutschen Sprachbrocken. Er forderte alle auf deutschem Gebiet wohnenden Polen zum Widerstand auf, zu Sabotageaktionen an Brücken und Verkehrsmitteln. Naujocks lieferte die entsprechende Geräuschkulisse. Er feuerte mehrmals seine Pistole im Senderaum ab, während der Dolmetscher seine Hetzrede in das Mikrofon brüllte. »Achtung ! Hier ist das polnische Freiheitskomitee. Der Rundfunksender Gleiwitz ist in unserer Hand. Die Stunde der Freiheit ist gekommen. Die Städte Danzig und Breslau werden wieder polnisch werden!«

Nach diesem gesendeten Aufruf erfolgte der Rückzug des SS-Überfallkommandos. Blitzschnell verließen die SS-Männer das Gelände des Senders, denn wie vorauszusehen war, erschien die deutsche Polizei. Sie fand einen toten Mann in polnischer Uniform. Der angebliche Pole war der Kommunist Baron aus Beuthen, der maßgeblich am antifaschistischen Widerstand in Oberschlesien beteiligt war. Er wurde im August 1939 von der Gestapo verhaftet und am 31. August ermordet, um den »polnischen Überfall« auf den Sender Gleiwitz glaubhaft zu dokumentieren.

 

 

Hitlers Verkündigung des Angriffs auf Polen am 1. September 1939 im Reichstag: »Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen... Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen... Und von
jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!«

Foto: Bundesarchiv

 

So schuf sich Hitler mit seinen Kumpanen ein Alibi für den heimtückischen Überfall auf Polen am 1. September 1939. Damit entfesselte er den Zweiten Weltkrieg.

Günter Wehner