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Vom »komischen Krieg« zur zweiten Front

Erinnerungen an seine Zeit in der Tschechoslowakischen Auslandsarmee

von Werner Knapp

Das Jahr 2009 ist ein Jahr zahlreicher Jubiläen. Folgt man den Medien, ist das 20-jährige Jubiläum des Anschlusses der DDR an die BRD das bedeutsamste. Täglich erscheinen im Fernsehen, in Filmen, Zeitschriften und Zeitungen medienwirksam die gleichen Bilder jener bewegenden Novembertage von 1989. Das 70. Jahr des von Hitlerdeutschland entfesselten Zweiten Weltkrieges, der die Nachkriegsentwicklung Deutschlands mit seiner Spaltung, mit der Gründung zweier deutscher Staaten 1949, dem Kalten Krieg und der völkerrechtlichen Anerkennung von BRD und DDR erheblich beeinflusste, wird zwar nicht ignoriert, bleibt aber in seiner Bedeutung unterbelichtet.

Werfen wir einen Blick zurück. Der Zickzackkurs, besonders der französischen Regierung in der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges, auch als „komischer Krieg oder „ drôle de guerre" in die Geschichte eingegangen, war eine Fortführung der mehrjährigen Beschwichtigungspolitik Englands und Frankreichs gegenüber Hitlerdeutschland in der Vorkriegszeit, die schließlich im Diktat von München 1938 und der endgültigen Zerstückelung der Tschechoslowakei 1939 gipfelte. Das Münchner Diktat erleichterte Hitlers strategische Vorbereitungen auf den Krieg gegen die UdSSR. Die jahrelangen Bemühungen des sowjetischen Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, im Völkerbund die Zustimmung zur Schaffung eines gemeinsamen „Systems der Kollektiven Sicherheit in Europa" zu erreichen und so den Aggressionskurs Hitlers zu durchkreuzen, waren immer wieder am Widerstand der westlichen Mächte gescheitert. Einem Wetterleuchten gleich kündigten die wenigen nach München verbliebenen, spannungsgeladenen Monate den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an. Selbst die noch in dieser Zeit entsprechend fortgesetzten Bemühungen der UdSSR um ein Bündnis mit England und Frankreich waren ohne Ergebnis geblieben.

Betroffen von dieser Entwicklung waren auch die zahlreichen antifaschistischen deutschen Emigranten, die bis dahin in der Tschechoslowakei Zuflucht gefunden hatten und mit der erwarteten Annexion der Resttschechoslowakei in eine verhängnisvolle Situation geraten waren. In den Nachbarländern gebildete Solidaritätskomitees und Hilfseinrichtungen bemühten sich, diese vor dem Zugriff durch die Gestapo zu retten. So gelang es mit Unterstützung der französischen Lehrergewerkschaft, jener Gruppe antifaschistischer Emigranten, die aus pädagogischen Berufen kamen (unsere Mutter war in frühen Jahren Lehrerin gewesen), noch rechtzeitig die Flucht nach Frankreich zu ermöglichen. Zwei Tage später stürzte das selbe Flugzeug mit einer weiteren Gruppe von Exilanten ab. Fünf Menschen überlebten das Unglück. Meine Lehre als Maschinenschlosser musste ich wegen des ausbrechenden Krieges und der Internierung abbrechen.

Werner Knapp im Oktober 1939 als junger
Rekrut des 2. Infanterieregiments der
Tschechoslowakischen Auslandsarmee in
Agde (Südfrankreich)

Foto: privat

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Auf Empfehlung von französischen Antifaschisten meldete ich mich gemeinsam mit zu der selben Gruppe Gehörenden im Oktober 1939 als Kriegsfreiwilliger zu der sich formierenden Tschechoslowakischen Auslandsarmee. Die Rekrutenausbildung erfolgte in Südfrankreich, in Agde. Die Ausrüstung und Bewaffnung waren ausgesprochen schlecht, die Uniformen verschmutzt und abgetragen, die reparaturbedürftigen, oft nicht passenden Schuhe wurden durch Holzpantinen ergänzt. Die Ergebnisse der jahrelangen Beschwichtigungspolitik bekam nun auch der einfache Soldat auf diese Weise zu spüren.

Während in England die Bildung der Regierung Churchill am 10. Mai 1940 und die Niederlage der Kräfte um Chamberlain die Bereitschaft zu einer entschlossenen Wende erkennen ließen, sabotierten die klerikal-faschistischen Kreise in Frankreich die Verteidigung des Landes und bemühten sich, die verhängnisvolle „Politik von München fortzusetzen. Ein Vertreter dieser Kreise war Marschall Philippe Pétain, der am 19. Mai 1940 als Stellvertreter des Ministerpräsidenten in die Regierung Paul Reynaud eintrat.

Militärisch standen sich bis Mai 1940 etwa 100 französische und britische sowie 31 deutsche Divisionen kampflos gegenüber. Unbehelligt konnte Hitler seine ganze Offensivkraft, bestehend aus ca. 60 Divisionen gegen Polen werfen. Innenpolitisch wurde der „komische Krieg" mit erhöhtem Druck gegen Links abgesichert. Die kommunistische Partei Frankreichs, die die Mobilisierung des Volkes zu einem Volkskrieg forderte, war verboten worden. Doch die Illusion der herrschenden französischen Kreise, dass Hitler seine Aggression gegen den Osten fortsetzen und die Beschwichtigungspolitik nun ihre Früchte tragen würde, erwies sich als fataler Irrtum. Vier Monate hatte der „komische Krieg" gedauert.

Juni 1940 : Deutsche Truppen im besetzten Paris Foto: Bundesarchiv

Am 10. Mai 1940 fiel die Hitlerwehrmacht in Belgien, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande ein. Bis 4. Juni 1940 waren diese Länder und Nordfrankreich erobert, Flüchtlingsströme und offene Städte bombardiert. Deutsche Panzerverbände hatten die französische Kanalküste erreicht und die alliierten Truppen bei Dünkirchen eingeschlossen. 338.000 Eingeschlossene konnten über den Kanal nach England evakuiert werden. Die Maginotlinie wurde umgangen, eine Front nach der anderen brach zusammen. Mit voller Wucht war die Katastrophe über Frankreich und England hereingebrochen. Das war die Situation, als unsere Einheit - u.a. ausgerüstet mit Gewehren aus dem Ersten Weltkrieg - an die Front ausrückte. Die drei Tage Kurzurlaub gaben mir Gelegenheit, mich von meiner Mutter zu verabschieden. Es sollte das letzte Beisammensein bleiben, denn wenige Wochen später verstarb sie im Lager Gurs.

Von der Fragwürdigkeit des Krieges überzeugt, bewegten mich wie viele andere meiner Kameraden widersprüchliche Gefühle. Nun ging es an die Marne. Bedrückt und deprimiert verfolgten die Menschen unsere lange Autokolonne. Man spürte die verzweifelte Ausweglosigkeit. Wir passierten eine kurz zuvor bombardierte Stadt, wo die Menschen vor den Häusern standen oder verstört durch die Straßen liefen, Ambulanzen jagten zu den Unglücksstellen. Gegen drei Uhr früh hatten wir unseren Einsatzort erreicht. Hinter einem Waldsaum gelegen, hörten wir die Schüsse der Artillerie. In der Dämmerung kamen uns geschlagene französische Soldaten entgegen, einzeln, in kleinen Gruppen, sich gegenseitig stützend, dazwischen Ambulanzen und Lkws mit Verwundeten. Am Rande des Dorfes Signy Signet (Marne) gruben wir uns ein. Wolkenbruchartige Gewitter hatten uns bis auf die Haut durchnässt, als es hieß, die Löcher zu verlassen und jedes Haus zu befestigen. Die deutsche Artillerie schoss weit über das Dorf hinweg, so dass die Nacht und der folgende Tag verhältnismäßig ruhig blieben. Motorisierte senegalesische Einheiten verließen die Front, kamen an uns vorbei und winkten uns lachend zu. Es schien, als ob man uns vergessen hätte. Doch dann gab es Alarm zum sofortigen Rückzug mit allen seinen Strapazen und chaotischen Zufällen. Zunächst noch Ordnung haltend, wälzten sich die Kolonnen über die nächtliche Chaussee, über die Köpfe der Marschierenden flogen die heulenden Granaten der deutschen Artillerie.

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Mai 1940: Deutsche Truppen an der Maginot-Linie      Foto: Bundesarchiv

Die Soldaten entledigten sich aller überflüssigen Sachen, andere, körperlich geschwächt, blieben zurück oder fielen in die Straßengräben. Wieder andere versuchten, auf die Lafetten der schnell vorbeifahrenden Artillerie zu springen, verfehlten den Sprung wegen der Dunkelheit und blieben verletzt liegen ohne, dass sich jemand in dem zurückwälzenden Strom um sie kümmern konnte. Spontan sammelten sich kleine Gruppen, um wenigstens auf diese Weise auf mögliche Begegnungen mit deutschen Voraustrupps vorbereitet zu sein. Im nebligen Morgengrauen entgegenkommende Gestalten entpuppten sich glücklicherweise rechtzeitig als eigene Patrouille, die Verirrte und Nachzügler auflesen sollte. Ein Rückzug nach Paris sei nicht mehr möglich, weil Paris bereits gefallen sei, sagte man uns. Wir befänden uns in einem großen Kessel. Nur in der Stadt Melun, durch die sich ein unübersehbarer Zug französischer Artillerieeinheiten mit überbeanspruchten Pferden und schlaftrunkenen Gespannführern sowie Gruppen französischer Soldaten bewegten, gab es noch einen begrenzten Freiraum. Als Teil einer Gruppe war es auch mir gelungen, hier der Einkesselung und Gefangennahme zu entkommen. Dann begann der Rückzug über die zusammenbrechende Seinefront bis zur Loire. Zehntausende Flüchtlinge mit Pferdewagen und Vieh, aber auch Luxusautos, die meistens wegen Benzinmangels in den Straßengräben liegen blieben, verstopften die Landstraße und behinderten noch operierende Einheiten. Anschaulich zeigte sich das ganze Ausmaß der nationalen Katastrophe Frankreichs. Immer wieder hörte man: „ Nous sommes trahi", „Seulement les communists sont les vrais patriots!" (Wir sind verraten. Nur die Kommunisten sind die wirklichen Patrioten!) Das war eine wichtige, in sehr kurzer Zeit, aber doch nicht mehr früh genug gewonnene Erkenntnis vieler Franzosen, die sich vorübergehend von der antikommunistischen Propaganda ihrer Regierung hatten verwirren lassen.

Beim Übergang über die Loire erreichte das Chaos in der Stadt Gien seinen Höhepunkt. Die Stadt brannte. Tausende stauten sich vor einer letzten intakt gebliebenen Brücke, darüber Capronibomber des gerade in den Krieg eingetretenen Italien. Es herrschte Panik. Schließlich gelang es uns über die Brücke zu kommen und nach mehrtägiger Fahrt mit dem Lkw durch das friedlich anmutende schöne Rhonegebirge endlich den Ort unserer Rekrutenausbildung, Agde, zu erreichen. Am 22. Juni 1940 wurde der Waffenstillstand vereinbart und der deutsche Vormarsch stoppte an der Loire. Der nicht besetzte Teil Frankreichs war wie paralysiert.

Wenige Tage danach wurden wir vom nahe gelegenen Sête auf Kohlefrachtern eingeschifft. In Gibraltar auf einen Truppentransporter umquartiert, ging es im Geleitzug nach England. An einem regnerischen Abend liefen wir in Liverpool ein Es herrschte reger Verkehr. Vergnügungsstätten, Cafés und Restaurants hatten Hochbetrieb. Nur wenige nahmen von unserer durcheinander gewürfelten Truppe Notiz. Nur manchmal hob jemand, uns jovial zulächelnd, die Hand und streckte seine Finger zum „V". Der Krieg war offenbar noch nicht bis hierher gedrungen. Nun ging es in das Auffanglager „Chaumondley Park". Immer wieder trafen Gruppen von Soldaten ein, denen es ebenfalls auf abenteuerliche Weise gelungen war, nach England zu entkommen. Doch die Stimmung unter Vielen war verbittert. Die rechtsorientierte Politik der Armeeführung, nationalistisch-chauvinistische Auswüchse, Antisemitismus, aber auch Versagen von Offizieren an der Front, unkorrektes Verhalten und tiefe soziale Kontraste zwischen Soldaten und Offizieren sowie der erlebte Verrat durch das „verbündete Frankreich" gipfelten in einer demokratischen Massenaktion, der sich ca. 600 Soldaten, Unteroffiziere und einige Offiziere tschechischer und slowakischer Nationalität, Sudetendeutsche, Ungarn, viele ehemalige Interbrigadisten und Soldaten jüdischer Herkunft anschlossen. Eine Soldatenvertretung trug die Anliegen dem wenige Tage später eintreffenden Präsidenten Edvard Benes vor und forderte eine Demokratisierung der Armee. Der Konflikt führte zur Übergabe der Betreffenden, zu denen auch ich gehörte, an die englischen Behörden. Wir wurden in das „Pioneer Corps" eingegliedert und in Erwartung der deutschen Invasion mit Straßenbau und verschiedensten Befestigungsarbeiten eingesetzt. Wie andere erlebte auch ich die Bombardierungen Londons und anderer Städte. Gesellschaftlich gehörte ich der FDJ an und wurde 1941 Mitglied der Auslandsgruppe der KPD.

Am 18. Juli 1941 unterzeichneten die UdSSR und die Tschechoslowakische Exilregierung ein Abkommen über gegenseitige Hilfe und Beistand im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Dies bedeutete die offizielle Anerkennung der Exilregierung sowie der Republik in ihren vormünchener Grenzen. Sowohl dieses Abkommen als auch die Erweiterung der Exilregierung durch die Bildung eines Staatsrates mit der Ernennung von Kommunisten als dessen Mitglieder, waren von wesentlicher Bedeutung für den Zusammenschluss aller Kräfte des Widerstandes im Exil wie auch im eigenen Land. In der Sowjetunion kam es zur Gründung Tschechoslowakischer Militäreinheiten unter Oberst Ludvik Svoboda. An der Seite der Roten Armee hatte sie erheblichen Anteil an den Kämpfen am Dukla-Pass und Der Befreiung der Tschechoslowakei. Auch in England strömten viele Freiwillige zu den tschechoslowakischen Einheiten, die eine demokratische Entwicklung genommen hatten. Das galt für unsere Gruppe von 500 bis 600 Mann, die ihr vorgetragenes Anliegen erfüllt sahen. Die Militäreinheit zählte ca. 4.000 Mann und wurde zunächst zur Bewachung der Ostküste Englands eingesetzt, dann jedoch zu zwei Panzerregimentern und Artillerieeinheiten umstrukturiert. Damit war ein optimaler Einsatz an der bevorstehenden zweiten Front gesichert.

Am 6. Juni 1944 war die zweite Front endlich eröffnet worden und mit einer der folgenden Wellen landeten wir wieder nach vier Jahren auf dem Kontinent. Es ging nach Dünkirchen, das durch das faschistische Oberkommando zur Festung erklärt worden war. Über 13.000 Soldaten der 226. Granatwerferdivision, SS-Einheiten und Soldaten anderer Einheiten hatten sich dorthin geflüchtet und eingeigelt. Im Verlauf der folgenden Kämpfe verlor der Feind etwas mehr als 1.000 Tote und mehrere hundert Gefangene. Auch unsere Seite hatte mehrere hundert Verwundete und etwa 200 Tote sowie den Verlust von Panzern zu beklagen.

Im Oktober 1945 wurde ich demobilisiert und kehrte im Dezember 1945 in die damalige sowjetische Besatzungszone zurück. Ich fand meinen Vater wieder. Er war nach zehn Jahren Zuchthaushaft gemeinsam mit hunderten anderen Gefangenen durch die Rote Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit worden.

 

Werner Knapp