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Einsatz im Hinterland

Eine gedankliche Brücke vom Gestern zum Heute

Es waren zunächst zwei Gruppen deutscher Antifaschisten, die auf Bitten und Vorschlag des Nationalkommitees Freies Deutschland und mit Zustimmung des Oberkommandos der Roten Armee nicht nur unmittelbar an der Front, sondern auch im Hinterland der deutschen Truppen, zum Einsatz kamen. Das waren die »Gruppe 117« und die »Gruppe desNatinalkommitees in der 9. Armee«. Sie bestanden aus je vier deutschen Antifaschisten sowie aus den sowjetischen Verbindungsoffizieren. Ich gehörte zu der Gruppe des Major Djatlenko, der auch als Dolmetscher zwischen den Generälen Rokosowski und Paulus gearbeitet hatte. Ernst Appelt, Sohn eines Emigranten, war unser Funker. Alfred Gothe und Theo Zimmermann die weiteren Mitglieder unserer Gruppe. Gut ausgerüstet sprangen wir in der Nacht vom 26. auf den 27. März 1944 in der Nähe von Minsk ab. Zu dieser Zeit war die deutsche Wehrmacht bereits auf der ganzen Front unter schweren Opfern zurückgedrängt worden und die Rote Armee bereitete die Offensive gegen die Heeresgruppe Mitte, auf deren Territorium wir uns befanden, vor. Im Raum Tscherkossy setzten sich in großer Zahl deutsche Offiziere und Soldaten des Nationalkommitees unter Einsatz ihres Lebens dafür ein, die eingeschlossenen Truppen zu bewegen, sich durch Kapitulation aus ihrer aussichtlosen militärischen Situation zu befreien und ihr Leben für die Zukunft zu retten. Wir gingen zügig an unsere Arbeit, die uns vor allem 3 Aufgaben stellte: 1. Druck und Verteilung von Flugblättern. Das waren sowohl »operative«, die wir selbst schrieben und druckten, als auch »zentrale«, die wir mitgebracht hatten, wie das »Manifest« oder »25 Punkte zur Beendigung des Krieges«. All unsere Flugblätter trugen in der linken oberen Ecke den schwarz-weiß-roten Stempel des NKfD und die Unterschrift »Wehrmachtsgruppe des NKfD in der 9. Armee« 2. »Aufspüren« von Angehörigen der deutschen Wehrmacht, die geeignet und bereit waren zur Bildung illegaler Widerstandsgruppen des NKfD. 3. Anbringung von Sichtpropaganda an frequentierten Straßen und Plätzen. Wir bauten uns dazu ein solides Netz von Vertrauensleuten auf, nahmen Kontakt zur Bevölkerung auf, führten Gespräche mit Angehörigen der deutschen Wehrmacht und Überläufern. Dabei fanden wir viel Unterstützung bei der Bevölkerung. Unsere Arbeit hatte Erfolge aufzuweisen. Das zeigten besonders die Reaktionen des Gegners: In allen Garnisonen, und es waren inzwischen 24 geworden, in denen unsere Flugblätter auftauchten, wurden sofort Befehle erlassen, unsere Ergreifung mit allen Mitteln zu betreiben. Jede Unterstützung für uns wurde unter Todesstrafe gestellt und Kopfprämien bis zu 5.000 Reichsmark ausgeschrieben. In einer »Geheimen Kommando- Sache«, unterschrieben von Sturmbannführer der Waffen-SS, Greimann, an alle Polizei- und Militäreinheiten im Rajon Minsk werden die »Gruppe 117« und unsere als »besonders gefährliche Feindgruppe« bezeichnet. Wir hatten gerade die Voraussetzungen geschaffen, um uns in der Garnison Logoisk mit einem deutschen Hauptmann zu treffen, als unsere Tätigkeit durch die »Strafexpedition Kormoran«, die unter dem Kommando des SS-Generals Kurt von Gottberg stand, krass unterbrochen wurde. Der Befehl für die 40 eingesetzten Divisionen, unterstützt durch Luftwaffe und schwere Artillerie lautete: »Einkreisung des Partisanengebietes Plescheniz-Logoisk mit anschließender völliger Auflösung«. Unter großen Verlusten gelang es den Partisanen nach mehrmaligen Versuchen, ihre Umzingelung zu durchbrechen. Unsere Gruppe verlor dabei ihren Chef. Major Djatlenko war nur knapp dem Tode entronnen und musste schwer verwundet in einem Sumpfgelände, in dem ein provisorisches Lazarett verborgen war, versteckt werden. Zwei weitere Angehörige unserer Gruppe wurden leicht verletzt und konnten an den weiteren Kämpfen teilnehmen. Der unerwartete Durchbruch löste Panik bei den Deutschen aus, denn die Partisanen konnten Verbindung zu den rasch vorwärts rückenden sowjetischen Truppen aufnehmen. So fanden jetzt überall Gefechte statt, bildeten sich Kessel, entstanden Lücken in der Front. Wir versuchten gemeinsam mit den Partisanen, die oft in Gruppen bis zur Kompaniestärke versprengten Deutschen, von der Sinnlosigkeit ihres Kampfes und der Notwendigkeit der Kapitulation zu überzeugen. Es gab einzelne Erfolge; doch in der Mehrzahl wurde »bis zur letzten Patrone« gekämpft. Diese Zeit meines Lebens bleibt mir in wacher Erinnerung, keineswegs nur als »alte Geschichte« aus dem Widerstandskampf gegen Hitler, sondern als Mahnung für heute. Natürlich gibt es dabei wesentliche historische Unterschiede. Damals ging es um die rascheste mögliche Beendigung eines verbrecherischen, auf Vernichtung und Eroberung gerichteten Krieges, heute in einer Zeit noch immer vorhandener atomarer Bedrohung allen Lebens auf der Erde, geht es um die Verhinderung eines neuen weltweiten Krieges, um die Verhinderung jeglicher Kriege und die Anwendung militärischer Gewalt. Damals sprachen vor allem die Waffen, heute sind Verhandlungen, politische Lösungen gefordert. Was kann die Geschichte und die Erfahrung des Nationalkommitees einbringen? Da ist zu allererst der Einsatz für Frieden und für eine demokratische Zukunft unseres Volkes. Da ist ferner die Bündnispolitik, die die größte Breite und Wirksamkeit des antifaschistischen Widerstandskampfes erreichte. Dem Nationalkommitee war es gelungen Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Zentrumsangehörige und Konservative unter einem Dach zu vereinen. Das NKfD stand jedem offen, ja selbst eingefleischten Nazis, man musste nur bereit sein, mit Hitler in Wort und Tat zu brechen. Die »Time« schrieb am 30. Oktober 1944, dass »sich das NKfD als effizienteste Organisation des deutschen Widerstandes erwiesen habe. Und eine wichtige Tradition des NKfD findet sich im Artikel 12 ihres Dokumentes »25 Artikel zu Beendigung des Krieges«: »Der oberste Leitsatz des NKfD: Die Wahrheit sagen! Immer und unter allen Umständen, ob sie erfreulich ist oder bitter, Nur so wird unser tief enttäuschtes Volk Vertrauen gewinnen, dass es nicht wieder belogen wird. Was das NKfD gestern sagte, war Wahrheit. Die Ereignisse bestätigen es. Was das NKfD heute sagt, ist die Wahrheit und wird morgen seine Bestätigung finden.« – Ist das nicht ein Leitsatz für heute?

Hermann-Ernst Schauer