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Ein einzigartiges Beispiel in der Geschichte

Zur Geschichte des Nationalkomitees »Freies Deutschland«

Der Krieg, der am 22. Juni 1941 von Deutschland gegen die Sowjetunion begonnen wurde. war ein Krieg, der bestehende Verträge brach, der selbst gegen das gesamte Kriegsvölkerrecht verstieß, ein Ausrottungs- und Vernichtungskrieg, der nichts und niemanden verschonte, der ohne Beispiel in der Geschichte war. Er beruhte auf der Lüge eines Präventionskrieges, auf Feindbildern gegenüber Menschen und deren Überzeugungen; er appellierte an die niedrigsten Instinkte in den deutschen Soldaten und Offizieren; er verhöhnte die Traditionen des Humanismus, der Aufklärung, der Menschenliebe und des Christentums; er säte Hass. Jahrhunderte der Entwicklung des menschlichen Fortschritts wollte er auslöschen, zurückführen in die Barbarei. Dieser Krieg wurde von der Generation unserer Eltern in einer Weise geführt, die uns immer entsetzen wird. Feindbilder dominierten Dabei waren in der ersten Phase dieses Krieges, in der Zeit der militärischen Erfolge Hitlerdeutschlands, die Feindbilder bei den deutschen Soldaten zunächst überaus wirksam. Nur wenige Deutsche gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, und eine verschwindend geringe Minderheit unter diesen Frühgefangenen kam zur Einsicht in den abgründigen Charakter dieses Krieges. Sie wandten sich von Hitler ab und versuchten, ihre Überzeugung auch ihren Mitgefangenen in den Kriegsgefangenenlagern zu vermitteln. So entstanden die ersten Anfänge einer antifaschistischen Bewegung unter den deutschen Kriegsgefangenen. Sie blieb weitgehend erfolglos, zu intensiv wirkten die vermittelten Feindbilder nach; statt dessen kam es in den Gefangenenlagern zu hasserfüllten Auseinandersetzungen zwischen den Befürwortern und den Gegnern des von Hitler geführten Krieges. Neue Sicht nach Stalingrad Die Ereignisse der Schlacht um Stalingrad gaben der antifaschistischen Bewegung in den Kriegsgefangenenlagern zum Beginn des Jahres 1943 dann Auftrieb: Einerseits stieg die Anzahl der deutschen Kriegsgefangenen nun sprunghaft an; andererseits hatten die Erfahrungen im Kessel von Stalingrad die persönlichen Überzeugungen der eingeschlossenen deutschen Soldaten auf das Tiefste erschüttert. Es war die Erfahrung des Verrats durch die eigene politische und militärische Führung, die Einsicht in den verbrecherischen Charakter dieses Krieges, der nun am eigenen Leibe erfahren wurde, auch die Frage nach dem Ausgang des Krieges und die Sorge um die Zukunft Deutschlands. Hinzu kamen die ersten Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft: Die befürchteten Erschießungen nach der Gefangennahme unterblieben, mehr noch: Immer wieder wird von der aufopferungsvollen Pflege des sowjetischen Sanitätspersonals berichtet, nachdem die endgültigen Kriegsgefangenenlager erreicht waren. Für viele Kriegsgefangene war dies eine tiefgehende Erfahrung, die ihre bisherigen Feindbilder nachhaltig erschütterte.

Der hierauf einsetzende Sinneswandel einer Anzahl deutscher Kriegsgefangener schuf die Voraussetzung für die Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«. Es ist deshalb außergewöhnlich, nahezu einzigartig, ohne Beispiel in der Geschichte, dass sich Soldaten und Offiziere nicht nur zur Abkehr von ihrem Kampfauftrag bewegen ließen, sondern aktiv tätig wurden gegen ihren bisherigen Kriegsherren. Es war eine Entscheidung gegen alle Tradition, Erziehung und Konvention, aus der Bedrängnis von Prägung, Einsicht, Erfahrung und patriotischer Gesinnung.

Der Humanismus einte

Noch etwas Bemerkenswertes trat hinzu: Kriegsgefangene und kommunistische Emigranten fanden hier in einer Gemeinschaft zusammen, die ihresgleichen suchte, und zwar in einer verbindenden nationalen Grundüberzeugung. Hier wirkten die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und politischen Richtungen zusammen, die zuvor in Deutschland einander gegenübergestanden hatten. Die Gründungsversammlung des Nationalkomitees fand am 12. und 13. Juli 1943 im Klubhaus des Mechanikwerkes in Krasnogorsk statt. Zum Präsidenten des Nationalkomitees wurde ein deutscher Emigrant, der kommunistische Schriftsteller Erich Weinert gewählt, zu Vizepräsidenten drei deutsche Soldaten, Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel, ein Urenkel Bismarcks, Max Emendörfer, ein Kommunist, der zur Roten Armee übergelaufen war, sowie Major Karl Hetz. In Krasnogorsk wurde ein Manifest verabschiedet, das die Kriegslage beschrieb und zum Sturz Hitlers und zur Beendigung des Krieges aufrief. Das Nationalkomitee hatte seinen offiziellen Sitz mit den Kriegsgefangenen in dem Dorf Lunjowo nordwestlich von Moskau, die beteiligten deutschen Emigranten.

Offiziere folgten später

Die höheren deutschen Offiziere hatten sich einer Teilnahme am Nationalkomitee zunächst verweigert. Mitte September 1943 wurde daraufhin in Lunjowo eine weitere Organisation ins Leben gerufen, der »Bund Deutscher Offiziere«, der sich mit dem Nationalkomitee zur Bewegung »Freies Deutschland« verband. Präsident des Offiziersbundes wurde der General der Artillerie Walther von Seydlitz, der sich gemeinsam mit drei weiteren deutschen Generälen aus dem Kessel von Stalingrad zum Kampf gegen Hitler entschlossen hatte. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren nicht nur die Erfahrungen in Stalingrad und die Sorge um die Zukunft Deutschlands, sondern auch eine sowjetische Zusicherung: Wenn es der Bewegung »Freies Deutschland« gelingen sollte, die Hitlerregierung mit Hilfe der Wehrmacht zu stürzen, ehe die kämpfenden Truppen das Gebiet des Deutschen Reiches erreichten, könne ein deutscher Staat in den Grenzen von 1937 fortbestehen.

Nachricht für die Heimat

Nach der Gründung des Nationalkomitees nahm ein Rundfunksender »Freies Deutschland« seinen Betrieb auf, der im gesamten Deutschen Reich empfangen werden konnte, es erschien die Wochenzeitung »Freies Deutschland«, die in Kriegsgefangenenlagern verteilt und über den Frontlinien abgeworfen wurde. Frontbevollmächtigte des Nationalkomitees gingen an alle Fronten der Roten Armee, sie wurden dort mit Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen über die Frontlinie hinweg tätig, einzelne Beauftragte gingen über die Frontlinie und agitierten hinter den deutschen Linien; mehrere kamen dabei ums Leben. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppe Mitte im Juli 1944 bekannten sich weitere 17 der dort gefangenen deutschen Generäle zur Bewegung »Freies Deutschland«, ihr öffentlicher Aufruf zur Beendigung des Krieges und zum Sturz Hitlers blieb allerdings ebenso wirkungslos wie der Beitritt und Aufruf des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus im August 1944. Schließlich wandten sich im Dezember 1944 50 deutsche Generäle aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft heraus mit einem Aufruf an Volk und Wehrmacht, Hitler zu stürzen und den Krieg zu beenden: Ein einzigartiges Dokument von Einsicht und Verantwortung, spät zwar, aber immerhin. Sie alle bewegte keineswegs ein Bekenntnis zum Kommunismus, vielmehr die patriotische Sorge und Verantwortung um die Zukunft der gemeinsamen Heimat. Die nationalsozialistische Führung verschwieg zunächst die Existenz der Bewegung »Freies Deutschland«

. Minderheit geblieben

Die Angehörigen der Bewegung »Freies Deutschland« blieben dabei in sowjetischer Kriegsgefangenschaft unter ihren Mitgefangenen immer eine Minderheit, und sie sollten es auch später, nach ihrer Heimkehr, bleiben; in der Nachkriegszeit waren sie in Deutschland um ihrer Einsicht und ihres Handelns willen nur zu oft verfemt.

Alle Bemühungen, den Krieg vorzeitig zu beenden, blieben ohne Erfolg; zu verhärtet waren auf deutscher Seite die Feindbilder, zu tief wurzelte der in Generationen anerzogene Untertanengeist, zu schwach waren die humanistischen Überzeugungen, zu sehr hatte die nationalsozialistische Propaganda die deutsche Mentalität vereinnahmt.

Vor diesen Konsequenzen hatte die Bewegung »Freies Deutschland« gewarnt, hatte sie das eigene Land bewahren wollen. Wenn deshalb regelmäßig die Meinung vertreten wird, die Bewegung »Freies Deutschland« sei insgesamt ein Misserfolg gewesen, so möchte ich dem gleichwohl widersprechen: Sie hat bei nahezu allen Beteiligten eine Besinnung auf grundlegende Werte der menschlichen Existenz bewirkt und ihr weiteres Leben maßgeblich mitbestimmt. Der militärische Misserfolg der Zersetzungsarbeit ist relativ zu sehen: Wäre durch die Arbeit der Bewegung »Freies Deutschland « selbst nur ein einziges Menschenleben gerettet worden, auch dann wären deren Bemühungen insgesamt ein unbestreitbarer Erfolg.
Das Ende des Nationalkomitees und der Bewegung »Freies Deutschland« ist rasch erzählt: Nach dem Kriegsende kehrten 1945 die Emigranten, aber nur wenige der kriegsgefangenen Mitglieder nach Deutschland zurück. Anfang November 1945 löste sich die Bewegung »Freies Deutschland« auf. Die meisten der Kriegsgefangenen wurden bis 1950 entlassen, nicht aber der ehemalige Präsident des Bundes Deutscher Offiziere: General Walther von Seydlitz wurde im Frühsommer 1950 ohne ausreichende Beweislage wegen angeblicher Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Haft verurteilt; 1955 kehrte er im Rahmen der allgemeinen Entlassung der verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurück.

Für den Mut bestraft

Ein besonderes Schicksal war einem der Vizepräsidenten des Nationalkomitees vorbehalten, dem Kommunisten Max Emendörfer, der zur Roten Armee übergelaufen war. Er gehörte zu den ersten, die im Sommer 1945 nach Deutschland zurückkehrten, wurde bald danach unter einer falschen Beschuldigung verhaftet und in das Internierungslager nach Sachsenhausen bei Berlin gebracht, das ihm vertraut war: In diesem Konzentrationslager hatten ihn bereits bis 1937 die Nationalsozialisten inhaftiert. Emendörfer kam in die Sowjetunion zurück, wo er verschiedene Lager durchlief. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU konnte auch er im Jahre 1956 nach Deutschland zurückkehren; er ging nicht nach Westdeutschland in seine Heimatstadt Frankfurt am Main, sondern in die DDR, denn er war nach wie vor überzeugter Kommunist.

Hans-Peter Bruchhäuser

(Aus einem Vortrag zur wissenschaftlichen Konferenz an der Russischen Staatlichen Sozialen Universität Dedovsk bei Moskau vom 8.-9. Mai 2009 am 8. Mai 2009 anlässlich des 64. Jahrestages der Beendigung des Großen Vaterländischen Krieges.)