Kämpfer »für Eure und Unsere Freiheit«

Paul Spalek – ein Deutscher in der polnischen Armee erinnert sich

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden viele Bürger Polens zu den ersten Opfern des Völkermordes. Am Widerstand gegen diesen Vernichtungskrieg nahmen auch ethnische Deutsche teil. Unter ihnen Paul Spalek aus Ranowitz/ Oberschlesien, der zuvor in die deutschen Wehrmacht eingezogen wurde und am 27. Oktober 1943 in Abwesenheit vom Kriegsgericht der 34. Infanterie- Division wegen »Kriegsverrats« zum Tode und zur »Wehrunwürdigkeit« verurteilt worden war. Sein 62-jähriger Vater Heinrich Spalek, ein kleiner Postbeamter, wurde unverzüglich in Sippenhaft genommen, entlassen und musste schwere Arbeit in einer Eisenhütte leisten. Was ging dem Todesurteil gegen Paul Spalek voraus? Als gebürtiger Oberschlesier »musste ich«, so beginnen seine unveröffentlichten Erinnerungen, »nolens volens dem Einberufungsbefehl zur Hitlerwehrmacht im Oktober 1942 folgen. Während der Vereidigung stand ich wütend... mit ›gelähmtem‹ Mund da. Nach der militärischen Ausbildung kam ich an der französischen Mittelmeerküste zum Einsatz und danach, etwa im Mai 1943, wurde ich in die Stadt Narbonne versetzt, wo ich ... Freunde fand, die ebenfalls wie ich, gegen die Raubkriege und die Hitlerbarbarei waren und sich gegen die passive Mitschuld wehren wollten. Wir waren uns einig .... Meine, noch vor Kriegsausbruch im geistlichen Seminar etwas erlernte französische Sprachkenntnis, sollte uns bei dem Vorhaben helfen.« Ausgangssperren, Versetzung nach Les Mans und Vorbereitungen auf den Einsatz an der Ostfront sowie eine lang andauernde Fahrt in geschlossenen Waggons via Aachen-Wien- Budapest-Bukarest bis nach Odessa boten Paul Spalek Gelegenheit, »neue Gesinnungsfreunde kennenzulernen«. Mit ihnen kam er »am 5. Oktober 43 an der vordersten Frontlinie am westlichen Dnjepr-Ufer zum Einsatz.« Dort sah er »eine Chance ... und auch meine drei Gesinnungsfreunde mitreißend, habe ich diese am 8. Oktober nachmittags genutzt.« Nach Aufenthalt in den Gefangenenlagern Poltawa, Charkow und Krasnogorsk »trat ich freiwillig Anfang Januar 1944 in die polnische Armee ein.« Dieser Verband entstand 1943 unter dem Befehl des Berufssoldaten der Polnischen Streitkräfte Zygmunt Berling. Aus ursprünglich einer Division waren die Polnischen Streitkräfte im Osten Anfang 1945 auf zwei Armeen angewachsen. In ihnen kämpften auch annähernd 2.000 Soldaten deutscher Nationalität. In den Polnischen Streitkräften im Westen dienten 89.600 Männer, von ihnen stammten ebenfalls viele aus Oberschlesien oder dem Posenschen und aus Westpreußen. Franz Adamiec, Jahrgang 1916, kam aus dem Regierungsbezirk Oppeln. Im April 1938 zum Arbeitsdienst eingezogen, gelangte er im November zur Wehrmacht. Er diente sowohl an der West- als auch an der Ostfront. 1944 verwundet, wurde er nach der Genesung an eine Offiziersschule abkommandiert. Wiederum verwundet, geriet er in USamerikanische Gefangenschaft, trat in das 11. Polnische Korps unter General Wladyslaw Anders im Westen ein und kehrte nach Schlesien, das nunmehr polnisch war, zurück: »Ich war glücklich, dass ich in der polnischen Armee dienen durfte,« erinnerte er sich. Soldaten wie Adamiec und Spalek waren entweder aus der Wehrmacht desertiert oder in Kriegsgefangenschaft geraten. Aus 1943 eingeführten Fragebogen, die jeder beantworten musste, der den Polnischen Streitkräften in der UdSSR beigetreten war und die auch Fragen nach der ethnischen Zugehörigkeit und der militärischen Vergangenheit enthielten, ergibt sich, dass knapp zehn Prozent derer, die sich 1943 in die antifaschistische Kampffront unter dem polnischen Adler einreihten, zuvor als »Volksdeutsche« in der Wehrmacht gedient hatten. So waren z. B. in der Artillerie- Abteilung des jungen polnischen Offiziers und späteren Generals der Polnischen Volksarmee Tadeusz Pioro acht bis zehn Deutsche je 100 Soldaten. Die meisten waren zweisprachig, einige sprachen nur deutsch. Am 26. November 1943 überstellte das Oberkommando der Roten Armee 567 Freiwillige aus Kriegsgefangenenlagern dem 1. Korps unter Zygmunt Berling (Foto). Kleinere und größere Gruppen ehemaliger Kriegsgefangener folgten. Sie verfügten über eine solide schulische und berufliche Ausbildung. Über 70 Prozent von ihnen waren Facharbeiter oder Handwerker in technischen Berufen. Somit hatten sie für die Aufstellung technischer Einheiten besondere Bedeutung. Im 1. Korps wurden aus dem ersten Kontingent ehemaliger Kriegsgefangener der deutschen Wehrmacht 48 Soldaten an eine Offiziersschule abkommandiert, 41 Soldaten zur Korps-Artillerie-Brigade, 13 zur Korps-Panzer-Brigade und 98 zu weiteren technischen Einheiten. In einer dieser technischen Einheiten diente auch der Katholik und Gegner des Weltanschauungs- und Vernichtungskrieges Paul Spalek. »Mit den ... Grausamkeiten des Naziregimes und seiner Armee konfrontiert, war ich schockierend beeindruckt, als wir vorübergehend einige Tage in den Baracken des befreiten KZLagers in Majdanek einquartiert wurden. Noch stärker war ich geschockt beim Anblick der aus dem KZ-Lager Sachsenhausen befreiten, halbtoten Häftlinge. Ich bin erst ein Jahr später nach dem offiziellen Kriegsende von der Armee entlassen worden, da noch in Südostpolen, in tiefen Wäldern, Kämpfe mit untergetauchten SS-Formationen und ihren treuen ukrainischen Nationalisten tobten. Ich kehrte heim, psychisch und seelisch niedergeschlagen, mit schwerem Herzleiden.« Paul Spalek hatte, gemeinsam mit seinen deutschen und polnischen Kameraden »für Eure und Unsere Freiheit« gekämpft. Erstmals war »In Gottes Namen für Eure und Unsere Freiheit« im Novemberaufstand 1830 gekämpft worden. In polnischer Sprache waren diese Worte auf der einen, in russischer Sprache auf der anderen Seite der purpurroten Feldstandarten gestickt, die in den Vorpostenstellungen und auf den Schanzen aufgesteckt waren. Die Aufständischen hatten die polnischsprachige Seite vor Augen, während den Soldaten des Zaren, dessen Regime Polen unterdrückte, die russischsprachige Seite zugewandt war. Als Verfasser der Losung gilt der Historiker Joachim Lelewel, der sie erstmals am 25. Januar 1831 öffentlich gebrauchte. Eine erste schriftliche Fassung der Losung in französischer Sprache findet sich in einem gemeinsam von Joachim Lelewel und Adam Mickiewicz 1832 in Paris redigierten Aufruf des Polnischen Nationalkomitees. Der vorstehend zitierte Satz begleitet – auf die ersten drei Worte verkürzt – seitdem Polens Kampf um seine nationale und soziale Freiheit. So auch im Kampf gegen die existenzielle Bedrohung des polnischen Volkes von 1939 bis 1945. Polen stellte nach der Sowjetunion, den USA und Großbritannien die viertgrößte Streitmacht der Antihitlerkoalition. Damit führte es mehr Soldaten ins Feld, als beispielsweise Frankreich. Polens Soldaten kämpften unter sehr schwierigen und wechselvollen äußeren wie inneren Bedingungen zu Lande, zur See und in der Luft. Sie traten im mittleren und nahen Osten, in Nordafrika, Italien, Frankreich, Großbritannien und Norwegen an. Eine polnische Streitmacht von 250.000 Kämpfern nahm in Ost- und Ostmitteleuropa am Kampf für Polens Freiheit und die Befreiung der Völker Europas vom Joch des Hakenkreuzes teil, kämpften in Polen selbst, organisiert in verschiedenen Widerstandsorganisationen, deren größte die Landesarmee (Armia Krajowa AK) und die Volksarmee (Armia Ludowa AL) waren.
An der Befreiung Brandenburgs und Berlins beteiligt waren Verbände der 1. Polnischen Armee, in der auch Paul Spalek diente. Im Zentrum Berlins kämpften die polnischen Soldaten u.a. in der Umgebung des Reichstags und am Brandenburger Tor. Gerd Kaiser