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Rotarmist, Historiker, Diplomat

Zum Tod von Stefan Doernberg, Vorsitzender der DRAFD

Er könne an der Lesung zum 65. Jahrestag der Befreiung am 8. Mai leider nicht teilnehmen, sagte Stefan Doernberg, da sei er mit Moritz Mebel in Moskau zur Siegesfeier eingeladen. In diesem Nebensatz klingt an, dass es nicht viel mehr als diese beiden gab. »Im gesamten Verlauf des Krieges kämpften nur wenige Deutsche in der Uniform der Roten Armee an der Front. Inzwischen weiß ich, dass es gegen Ende des Krieges allenfalls 30 bis 40 waren«, heißt es eher lapidar in Doernbergs Memoiren, die im Vorfeld des 60. Jahrestages erschienen. »Fronteinsatz« hatte ich ihm als Titel vorgeschlagen, was ihm nicht sehr zusagte: Er wollte sein Leben nicht auf diese zwei Jahre reduziert wissen. Also fügten wir als Unterzeile hinzu: »Erinnerungen eines Rotarmisten, Historikers und Botschafters «.

Den Historiker Doernberg wollten wir in seinem nächsten Buch zu Wort kommen lassen. Er habe schon einige Kapitel fertig, sagte er. Wenn er aus Moskau zurück sei, müssten wir darüber reden. »Mein 20. Jahrhundert« sollte das Buch heißen, und die wichtigsten Zäsuren darin waren die Oktoberrevolution und der Untergang des Sozialismus 1989/90. An einem dritten epochemachenden Ereignis war er 1945 selbst beteiligt.

1935 floh Doernberg mit seinen jüdischen Eltern aus Berlin-Wilmersdorf in die Sowjetunion. Er machte in Moskau Abitur und meldete sich am Tag des Überfalls, seinem 17. Geburtstag, zur Roten Armee. Die wollte den Komsomolzen nicht. Im Januar 1942 bekam er die Aufforderung, sich mit Papieren und kleinem Gepäck in einem Kommando einzufinden, was große Befriedigung bei ihm auslöste. Doch statt an der Front fand er sich in einem Internierungslager  für Sowjetdeutsche im Südural wieder. Ein halbes Jahr später kam er frei, der Lagerchef entschuldigte sich bei ihm. Der Historiker Doernberg fand später in einem russischen Archiv den Grund: eine Intervention von Pieck und Dimitroff bei der Führung des NKWD.

Über den Besuch der Komintern- Schule kam er im Sommer dann doch an die Front. »Mit der 8. Gardearmee führte mich der schwere und unvergessliche Weg des Krieges durch die Ukraine, Belorussland und Polen bis in meine Geburtsstadt Berlin«, erinnerte er sich. Er dolmetschte Tschuikow, als dieser die Kapitulation am Schulenburg-Ring verhandelte, und tippte am 2. Mai Weidlings Befehl zur Aufgabe mit mehreren Durchschlägen (von denen ein Exemplar in seinem Besitz verblieb). Anschließend fuhr Leutnant Doernberg mit dem Adjutanten des »Befehlshabers Verteidigungsbereich Berlin« im Lautsprecherwagen durch die zerstörte Stadt und forderte seine Landsleute auf, die Waffen zu strecken. Es gehört zur bitteren Ironie der Geschichte, dass sich das Leben von Stefan Doernberg 65 Jahre nach diesem Ereignis vollendete. Aber was ist daran ironisch? Es ist tragisch! Der Kommunist Doernberg hatte ein erfülltes Leben, das in jeder Phase Respekt abnötigt. Nach dem Krieg und einer kurzzeitigen Tätigkeit bei der Sowjetischen Militäradministration arbeitete er einige Jahre bei der Täglichen Rundschau. Er studierte an der Lomonossow-Universität in Moskau Geschichte. Im Sommer 1954 gab das ZK der KPdSU einer Bitte des ZK der SED statt, und Doernberg konnte endlich nach Berlin zurückkehren. Mit 31 Jahren übernahm er den Lehrstuhl Allgemeine Geschichte an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften. Später leitete er das Deutsche Institut für Zeitgeschichte, wurde Professor und schließlich Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften. Und von dort schickte ihn Erich Honecker 1981 nach Helsinki, wo Doernberg bis 1987 die DDR als Botschafter vertrat. Danach engagierte er sich vor allem friedenspolitisch; seine letzte Funktion war die Leitung des Verbandes Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland« e.V. (DRAFD), die er im November 2008 übernahm.

Am 3. Mai ist Stefan Doernberg überraschend gestorben. Er war nicht nur ein exklusiver Zeitzeuge, sondern stets auch ein kritischer, abwägender Zeitgenosse, der sich mit raschen Urteilen zurückhielt. Das machten die Erfahrungen seines Lebens. Vieles, was doch als ewig und unverbrüchlich galt, zerbrach und zerstob lange vor Anbruch der Ewigkeit. Die prüfende Bedächtigkeit und die Aufrichtigkeit sowie die Überzeugung, die wir mal historischen Optimismus nannten, hatte er sehr vielen voraus. Er wird uns deshalb besonders fehlen. Diese Lücke bleibt offen.


Frank Schumann aus jungeWelt v. 4.5.2010