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Deutsche Emigranten in der US-Armee

Der Sieg über Hitlerdeutschland war das Ergebnis des gemeinsamen Kampfes der Staaten und Armeen der Antihitlerkoalition, der Partisanen und Widerstandskämpfer. Unbestritten leisteten die UdSSR und ihre Streitkräfte den Hauptanteil bei der Zerschlagung der faschistischen Wehrmacht. Deren militärischen Hauptkräfte wurden in den strategisch entscheidenden Richtungen vernichtet. Die Wende des Kriegsgeschehens wurde mit den sowjetischen Siegen in den Schlachten von Stalingrad und im Kursker Bogen (1943) zu Gunsten der Alliierten erzwungen. 30 Millionen Tote hatte das Land zu beklagen. Tausende Städte und Dörfer wurden zerstört. In einem vierjährigen Ringen um Leben und Tod, dessen Ausgang keineswegs von vornherein gegeben war, musste das faschistische Deutschland eine vernichtende Niederlage hinnehmen. Damit wurde die menschliche Zivilisation gerettet. Diese Feststellung schließt die ungeteilte Anerkennung und Würdigung der politischen, Ökonomischen und militärischen Leistungen der Bündnispartner der UdSSR, also der USA, Großbritanniens und Frankreichs, unabhängig davon, dass die Zweite Front erst im Juni 1944 eröffnet wurde, ein. Es kann keine Abstriche daran geben, dass auch diese Staaten und deren Streitkräfte eine Befreiungsmission gegenüber Deutschland und den anderen Völkern Europas erfüllten. Ausgehend davon, dass ca. 500.000 Deutsche nach dem 30. Januar 1933 das Land verlassen mussten und in vielen Ländern Rettung fanden, verwundert es nicht, dass in allen Armeen der Anthitlerkoalition deutsche Exilanten dienten, allein in der US-Armee 14.193, in der britischen ca. 7.000. In der Uniform der Sieger kehrten sie in nicht geringer Zahl in das Land ihrer Geburt zurück oder fielen im Kampf. In diesen Angaben sind nicht diejenigen Deutschen berücksichtigt, die in den Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten in vielen Ländern wirkten. Die Quellenlage ist ungünstig. Eine gewisse Aussagekraft haben Erinnerungsberichte und Autobiographien, u.a. von Klaus Mann (»Turning Point«) und Stefan Heym (»Nachruf«), auch bestimmte Teile der Tagebücher von Thomas Mann sowie der Briefwechsel mit seinen Kindern. Fest steht, dass die deutschen Exilanten in der US-Armee vorrangig seit 1943 im Fronteinsatz waren (bis zum Kriegsende) und an den Kämpfen im Mittelmeerraum, in Frankreich, Luxemburg und in Deutschland beteiligt waren. Sicherlich waren es gemischte Gefühle, die die ehemals Ausgestoßenen bewegten, als sie nach langer Zeit wieder deutschen Boden betraten. Heimweh und Abscheu, Fremdheit, aber auch Hass kennzeichneten wohl die innere Situation. Aber »Heimatboden«? Vielleicht überrascht es: Das war Deutschland für die Exilanten nicht mehr, zumindest nicht für deren Mehrheit. Die Erlebnisse von Krieg und Besatzung, die Wertung des Verhaltens der Deutschen, auch konkrete persönliche Befindlichkeiten entschieden wohl darüber, ob sie blieben oder in die USA zurückkehrten. Im Unterschied zu den Festlegungen der US-Behörden, die die Eingliederung in die Armee mit der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft verbanden, war das z.B. in den britischen Streitkräften keine notwendige Voraussetzung. Sehr oft aber wurden die ehemals deutschen Vor- und Nachnamen »anglisiert«. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass eine Reihe von Exilanten in den Geheimdiensten aller Hauptmächte der Antihitlerkoalition wirkten, so auch der Vereinigten Staaten. Wer diese spezifische Tätigkeit bewerten will, muss sich der Mühe zu ganz konkreter Differenzierung unterziehen. Abwertende Pauschalurteile sind wenig nützlich. Immerhin wissen wir u.a. vom engen Zusammenwirken des britischen und sowjetischen Geheimdienstes bei der Planung und Durchführung der Fallschirmeinsätze deutscher Antifaschisten. Wegen ihrer Sprachkenntnisse und der Kenntnisse der Mentalität der Deutschen zog man die als Soldaten dienenden Exilanten besonders für die psychologische Kriegführung, für Verhöre von deutschen Kriegsgefangenen und Deserteuren und für Übersetzerdienste heran. Bekannt ist, dass sie – und hier soll ja nur von der US-Armee die Rede sein – sich gegenüber den ehemaligen Landsleuten reserviert und meist nicht als Exilanten zu erkennen gaben, soweit das möglich war. Erinnerungen, die über ihre spezifische Befindlichkeit Auskunft geben, sind nur wenige vorhanden, sieht man von denen ab, die Journalisten bzw. Schriftsteller waren. (z.B. Golo Mann, Klaus Mann, Stefan Heym, Hans Habe, Curt Riess). Von den jungen Exilanten strebten viele nach dem Kriegseintritt der USA danach, als Soldat zu dienen. Das Hauptmotiv war der Wille, das ehemalige Heimatland vom Faschismus zu befreien. Ältere »Neu-US-Bürger« kamen kaum für den Fronteinsatz in Frage, eher für die Erstellung von Analysen für den Geheimdienst OSS sowie für höhere Dienststellungen in Justiz und der Verwaltung der künftigen Militärregierungen (z.B. der Schriftsteller Carl Zuckmayer: Geheimreport). Wie aus den Namen Golo und Klaus Mann ersichtlich, kämpften nicht selten auch die Kinder der Vertriebenen an der Front. Vater Thomas Mann sah das keineswegs ungern. Seine beiden ältesten Söhne nahmen an den Feldzügen der US-Armee als Offiziere teil. Zweifelsohne sollte das der gültige Beweis dafür sein, dass man mit Hitler- Deutschland endgültig gebrochen hatte. Seitens der Amerikaner blieben zwar Reste von Misstrauen bestehen. Eine Ausnahme bildeten die Angehörigen der »Psychological Warfare Division«. Sie nahm eine Sonderstellung ein. Differenzierte Schilderungen finden wir in den Memoiren von Hans Habe (»Ich stelle mich«), der den Dienstgrad eines Obersten erreichte, und der Geschichte und dem Wirken der »Ritchie Boys«, dargestellt in dem gleichnamigen Buch von Bauer/Göpfert. Die für den OSS tätigen Exilanten, ausgebildet im Camp Ritchie, die 1944 in geheimer Mission nach Europa zurückkehrten, erfüllten ihren Auftrag vorbildlich - vom D-Day in der Normandie bis zum 8. Mai 1945. Dieser lautete: die Erforschung der psychischen Situation des Feindes und die Lähmung seiner Widerstandskraft. Namentlich bekannte »Ritchie-Boys« waren u.a.: Victor Brombert, Fred Howard, Si Lewen, Rudolph Michaels, Morris Parloff, Richard Schifter, Hans Spier, Guy Stern und Stefan Heym. »Deutschfreundlich«, aus allgemein- nationalen Gründen, waren die Exilanten in US-Uniform nicht. Eindeutig identifizierten sie sich mit der Sache der Krieg führenden USA als Teil der antifaschistischen Koalition. Andrerseits suchte man dennoch ein neues Verhältnis zu den Deutschen zu gewinnen. Auch rückblickend bekannte sich der sensible Klaus Mann, der sich schon in den 20er- Jahren und nach 1933 erst recht eindeutig antifaschistisch positioniert hatte, positiv zu seinem Armee-Dienst. Und das, obwohl er eigentlich Pazifist war. Diese Einstellung teilte er mit vielen anderen Exilanten, darunter dem späteren Journalisten Stefan Troller, der im Dezember 1944 als GI an der Front in Frankreich stand: »Ich war stolz auf die Army. Stolz auf mich als Amerikaner«. Auch Stefan Heym, 1945 Mitglied der Pressegruppe von Hans Habe, fühlte so. Deutsch sprach er nur zum Dienstgebrauch. Aus Angst, zu viele Ähnlichkeiten zwischen sich und den Deutschen zu entdecken, blieb er auf Distanz zu ihnen. Der Kampf gegen den gemeinsamen Feind schuf Gemeinsamkeiten. Die Ausgestoßenen fühlten sich jetzt geborgener denn je, obwohl Krieg war. Die ersten Begegnungen mit den Deutschen hatten sich die Exilanten anders vorgestellt. Erwartet hatten sie verzweifelten Widerstand, Hass und Wut oder aber Freude über ein Erlöstsein von der faschistischen Schmach, eine Zeichen der Sühne, Freude über das Eintreten der Stunde, nach der man sich Jahre gesehnt hatte. Aber was sahen die Deutschen in US-Uniform? Viele Deutsche traten ihnen gegenüber als geläuterte Demokraten auf – und das bruchlos. Das Tätervolk entpuppte sich schnell als Volk von Opfern. Von Außen kommende Forderungen lehnte man ab. Ein Gefühl von Verantwortung oder gar Schuld war kaum wahrnehmbar. Klaus Mann, 1945 Kriegskorrespondent der Armee-Zeitung »Stars and Stripes«, wusste, was den Deutschen auferlegt werden musste: Das Eingeständnis tiefer Schuld, die nun gesühnt werden musste. Stefan Heym sah – als Reaktion auf die Befreiung – einen »bösen, verbockten Ausdruck« in den Äußerungen und Gesichtern. Erich Kästner beklagte sich über die Befragungen durch die US-Behörden und übersah, wie auch Furtwängler, Gründgens und Richard Strauss, dass die Fragen der Sieger nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, hatte man doch beträchtliche Freiräume und Privilegien genossen und sich mit dem NS-System liiert. Heimatgefühle bei den Exilanten brachen nur dann zeitweise durch, so etwa beim Wiedersehen von Stätten, an denen man die Kindheit und Jugend verbracht hatte, etwa bei Klaus Mann in München, beim Anblick des nun arg zerstörten Familiensitzes, dem Haus in der Poschinger Straße. Die vorübergehende Rührung schuf aber keine erneute Bindungen emotionaler Art. »Heimgekehrt« waren die Exilanten nicht. Verstärkt wurde das durch die mehr oder weniger vorhandene Ablehnung der Deutsch-Amerikaner durch die »Daheimgebliebenen «. Den meisten Deutschen galten die Exilanten als »Fahnenflüchtige « zu Zeiten, in denen das »Vaterland« im Kampf stand bzw. Deutschland in Not war. Die Exilanten saßen zwischen den Stühlen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Feststellung von Hans Habe: Die Amerikaner waren überzeugt, dass nur ein geborener Amerikaner gegen pro- oder antideutsche Gefühle immun sei; es genügte, dass man die Landessprache beherrschte, schon wurde man einer Ansteckungs-Disposition verdächtigt... «. Anfangs waren die Amerikaner mit der Entnazifizierung, Bestrafung der NS-Verbrecher und Umerziehung, mit Trümmerbeseitigung und Lebensmittelbeschaffung beschäftigt, mit der dem moralischen Wiederaufbau jedoch kaum. Das beklagte u.a. Klaus Mann mit Verbitterung und Enttäuschung. Im Gegensatz zu vielen anderen schied er im November 1945 aus der US-Armee aus. Fronteinsatz, Dienstalter, Auszeichnungen, Kriegsverletzungen u.a. berechtigten dazu. Eine Reihe von Exilanten übernahm Funktionen in der Militärregierung. Insgesamt gesehen, blieb aber ihr Einfluss hier gering. Die Personallisten der dort tätigen hohen Funktionäre, hier am Beispiel Bayerns, für die Jahre 1946 bis 1949, ergeben, dass von den 53 Führungsfunktionen vier bis fünf von deutschen Exilanten besetzt wurden. Ende 1946 beschäftigte die US-Militärregierung in Bayern ca. 1.500 Personen, davon 65 Emigranten. Von diesen arbeiteten 39 bei der »Information Control« oder »Intelligence Division«, zwölf beim »Special Branch« (Entnazifizierung), fünf in allgemeinen Aufgabenbereichen, die Übrigen in der Finanzabteilung, im Bereich William Rothfelder. Es waren in der Regel Juristen, Medienspezialisten, Ökonomen, Bankspezialisten, Kunsthistoriker und Psychologen mit Hochschulausbildung, die in der bayrischen Militärregierung tätig waren. Es überrascht nicht, dass kein Kommunist, lediglich ein Sozialdemokrat in der Militärregierung der USA in Bayern arbeitete. Insgesamt gesehen, wurde für nicht wenige deutsche Exilanten die US-Armee zu einem entscheidenden Faktor ihres weiteren Berufsweges. Mit reichlich Spezialwissen ausgerüstet führte ihr weiterer Lebensweg oft in eine politische, diplomatische, geheimdienstliche oder journalistische Karriere. In der Regel dienten sie auch nach Ausbruch des Kalten Krieges den herrschenden Kreisen der USA bzw. ihren Zielen, die nichts mehr zu tun hatten mit der einstigen antifaschistischen Befreiermission der Antihitlerkoalition, die 1947/48 zerbrochen war. Ein Teil von ihnen ging auch in die Privatwirtschaft oder wirkte an US-amerikanischen Universitäten. Kaum einer der Angehörigen der Militärregierungen, die ja während des Krieges vorrangig im Fronteinsatz waren, tauschten die erworbene US-Staatsbürgerschaft wieder gegen die deutsche ein. Die Teilnahme an der Befreiung Deutschlands vom Faschismus war keineswegs eine Rückkehr. Klaus Mann, tief enttäuscht über die regressive gesellschaftliche Entwicklung in den Westzonen, aber auch nicht Willens, in die sowjetische Besatzungszone überzusiedeln, eigentlich heimatlos und zunehmend depressiv, nahm sich 1949 in Cannes das Leben. Sein Bruder Golo, einst Oberstleutnant der US-Armee, und Schwester Erika verbrachten ihre letzten Lebensjahre in Kilchberg am Zürichsee (Schweiz), dem Wohnsitz ihrer Eltern Katia und Thomas Mann. Im Zeichen des hysterischen Antikommunismus der »Kommunistenfreundlichkeit« verdächtigt und intensiv vom FBI bespitzelt, war das politische Klima in den USA für sie unerträglich geworden. Sie waren nach Europa, aber nicht in das Land der Täter, Deutschland, zurückgekehrt – entgegen früherer Absichten und Pläne. Sie wirkten im Verlagswesen, im Buchhandel, in Zeitungen und Zeitschriften, im Theater, in Orchestern und im Denkmalschutz. Sie wurden hier als Kenner, Vermittler, Übersetzer und Ansprechpartner gebraucht. Als Kulturoffiziere wurden sie bald zu wichtigen Helfern, die den Kontakt zu den deutschen Kulturschaffenden suchten. Einige der Exilanten waren selbst Künstler. Verdienste erwarb sich u.a. der Theaterfachmann Hendrik van Loon beim Wiederaufbau der Münchener Theater, ihrer Lizensierung und technischen Ausgestaltung. Walter Behr, in den 20er-Jahren Komiker in Werner Fincks Kabarett, beschaffte dem berühmtesten Münchener Nachkriegs- Kabarett »Die Schaubude« für deren Anfänge geeignete Räume und engagierte sich für Personalfragen der Kammerspiele und des Volkstheaters. Hans Habe und seine »Neue Zeitung« nahmen in der Stadt bald einen wichtigen Platz ein. Zudem wurden durch seine Initiative Journalisten herangebildet. An Habes Zeitung wirkten u.a. Erich Kästner, Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff und Gunter Groll. Das von der Militärregierung ausgesprochene »Fraternisierungsverbot« für uniformierte Amerikaner, Exilanten und entlassene Kriegsgefangene wirkte zwar oft hemmend, wurde aber auch oft unterlaufen. Von besonderer Bedeutung war die Tatsache, dass die erste und zweite Generation der Kulturoffiziere meist aus links-liberalen Rooseveltanhängern bestand, keineswegs also McCarty-Leuten. Es kann deshalb nicht verwundern, dass gerade die links-liberalen Kulturoffiziere erst nach 1946/47, nach der antisowjetischen Wende der US-Politik, in politische Schwierigkeiten gerieten und abgelöst wurden. So wurde z.B. die gesamte Führungsspitze von »Radio München« ausgewechselt. Auch die »Neue Zeitung« verlor Mitarbeiter: Stefan Heym, Hans Habe und Hans Wellenberg »kommunistischer Sympathien« beschuldigt. Die neu eingerichteten Amerika-Häuser und »Reading Rooms« wurden durch Beauftragte McCarthys durchsucht bzw. kontrolliert. Kurz: Die anfänglich liberale Informationspolitik geriet in den Sog eines penetranten Antikommunismus. Eine »Heimatverbundenheit« entstand bei den meisten, besonders bei jüdischen Militärangehörigen, nicht. Ein »Vergeben « und »Vergessen« gab es nicht. Mit dem Eintritt in die US-Armee hatten sie zumeist den entscheidenden Schritt ihres Lebens getan und in der Regel eine neue Identität gewonnen, freilich auch geprägt von den Lebensumständen in den USA. Die volle Erkenntnis der faschistischen Verbrechen und auch die ablehnende Haltung der Westdeutschen gegenüber den Exilanten, der Krieg und die Militärzeit hatten die Überzeugung gefördert, niemals mehr – auf Dauer – in das Land der Täter zurückzukehren. Natürlich war nicht zu erwarten, dass sie sich in der sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR niederließen. Aber ihre Lebensleistung, am Kampf gegen Hitlerdeutschland teilgenommen und letztlich als Sieger zurückgekehrt zu sein, verdient Würdigung.

Peter Fisch