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Hermann-Ernst Schauer

(Jahrgang 1923) im Drafd-Wiki

Heiße Kämpfe noch nach der Kapitulation

Den Auftrag des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, sich im Hinterland der deutschen Truppen für eine möglichst rasche Beendigung des Krieges mittels Wort und Schrift sowie durch die Bildung antifaschistischer Widerstandsgruppen in der Armee einzusetzen, hatten wir abgeschlossen. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands war in Berlin-Karlshorst unterzeichnet. Nach sechs Jahren schwiegen die Waffen. Ein Aufatmen ging um die Welt. Es wurde gefeiert, man war glücklich, überlabt zu haben.

Der Krieg war aber für mich nicht beendet. Ich erlebte den 8. Mai 1945 in einem kleinen Dorf in der Nähe der belorussisch-litauischen Grenze. Da erschien der Leiter unserer etwa 15-köpfigen Gruppe deutscher Antifaschisten mit einem todernsten Gesicht, das so völlig im Widerspruch zur allgemein ausgelassenen Stimmung stand. In knappen Worten nannte er den Grund: Als Folge des raschen Vormarsches der Roten Armee seien bekanntlich deutsche Truppeneinheiten zum Teil völlig von der Front abgeschnitten oder umzingelt worden und versuchten sich jetzt unter Missachtung der Kapitulation „auf eigene Faust“ nach Deutschland durchzuschlagen. Dies auch wissend, dass der Nachfolger Hitlers, Großadmiral Dönitz, seit einiger Zeit bestrebt war, die Kampfhandlungen gegen die Alliierten einzustellen und nur gegen die Sowjetunion weiterzukämpfen. Dann fragte Oberst Janzen, ob es unsererseits Bereitschaft gäbe, die Rote Armee bei der restlosen Befreiung ihres Territoriums zu unterstützen, vor allem durch unsere im Namen des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ erhobene Aufforderung an die noch kämpfenden deutschen Truppen, ihren sinnlosen Widerstand aufzugeben, zu kapitulieren, sich in Gefangenschaft zu begeben und sich so die einzige Chance fürs Überleben zu bewahren.

Das war ein Schock für mich – erneut das Leben einzusetzen - und das nach Kriegsende! Es fiel uns schwer, zuzustimmen. Doch alle taten es.

So begannen wir, wieder durch die uns vertrauten Wälder und Dörfer zu ziehen. Die deutschen, die hier jetzt noch kämpften, waren fanatisch und ihre Lage aussichtslos. Der Weg in die Heimat blieb ihnen versperrt. Diese Einsicht bei den noch kämpfenden deutschen Truppen gewann nur allmählich an Wirkung.

Für unsere Gruppe fand dieser Einsatz erst im Spätherbst 1945 sein Ende und wir kehrten nach Deutschland zurück.

Auch in dem 1970 von dem bekannten Regisseur gedrehten fünfteiligen Fernsehfilm „Rottenknechte“ wird diese Situation geschildert. Er handelt von jungen Marinesoldaten, die sich 1945 nach der deutschen Kapitulation einer weiteren Feindfahrt widersetzen und dafür von einer unnachgiebigen Marine-Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Frank Beyer sagte zu dem Film selbst: „Er zeigt nicht nur das letzte Kapitel des heißen Krieges, sondern das erste Kapitel des Kalten Krieges zwischen Ost und West.“

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Erich Weinert (Mitte) im Gespräch mit Oberstleutnant Alfred Bredt (links), Oberst Luitpold Steidle (dahinter) und Leutnant Hermann-Ernst Schauer (rechts)