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60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie

Auf Einladung des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac nahm für den Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland e. V. (DRAFD) dessen Vorstandsmitglied Peter Gingold Anfang Juni an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Landung in der Normandie teil.

Nachdem zu dieser Zeremonie im Gedenken an die Eröffnung der Zweiten Front neben Bundeskanzler Gerhard Schröder auch einige - vom Kanzleramt ausgewählte - Veteranen der Hitlerwehrmacht angekündigt worden waren, hatte es in der französischen Öffentlichkeit empörte Reaktionen gegeben,

warum nicht auch jene Deutsche eingeladen wurden, die vor sechs Jahrzehnten an der Seite der Résistance für die Befreiung Frankreichs gekämpft hatten. Selbst "Le Monde", die renommierte französische Tageszeitung, hatte zum D-Day unter dem Titel "Liberateur" - "Befreier" - eine Sonderausgabe veröffentlicht, in der Menschen vorgestellt wurden, die Anteil hatten an der Befreiung Frankreichs.
Darunter, jeweils auf einer Seite und gewissermaßen stellvertretend für alle deutschen Angehörigen der Résistance, mit Peter Gingold, Kurt Hälker und Gerhard Leo auch drei der heute in DRAFD aktiven Weggefährten der einstigen Kämpfe.
Gingold bezeichnete dies wie die kurzfristige Einladung in die Normandie als repräsentative Würdigung für alle deutschen Antifaschisten, die zur Befreiung Frankreichs von der Nazi-Okkupation beigetragen hatten.

Nach seiner Rückkehr aus der Normandie schilderte der heute 88jährige in einem Beitrag für die "DRAFD-Information", die zweimal jährlich erscheinende Verbandspublikation, seine Eindrücke rund um die "Cérémonie" im nordfranzösischen Caen, zu der neben zahlreichen Kriegsveteranen verschiedener Nationen, die am 6. Juni 1944 an der "Operation Overlord" beteiligt waren, sowie ehemaligen Résistancekämpfern unter anderem auch je 200 französische und deutsche Jugendliche gekommen waren.

"Es war wichtig, nicht nur dabei zu sein, sondern auch von vielen Menschen als Repräsentant jener Deutschen wahrgenommen zu werden, die an der Befreiung dieses Landes mitgewirkt hatten. Viele, mit denen ich am Rande der Feierlichkeiten ins Gespräch kam, hörten allerdings zum ersten Mal und voller Erstaunen davon, daß am französischen Widerstand gegen die deutschen Okkupanten auch rund tausend deutsche Antifaschisten, die wie ich nach 1933 nach Frankreich emigriert waren, sowie nicht wenige Wehrmachtsdeserteure Anteil hatten. Natürlich war ihnen das Mitwirken von Angehörigen der verschiedensten Nationen an der Befreiung ihres Landes nichts Neues, doch die Teilnahme von Angehörigen der damals feindlichen deutschen Nation und mehr noch die Tatsache, daß dabei über hundert deutsche Antifaschisten ihr Leben ließen, darunter auch einige in der Normandie selbst, erstaunte selbst manchen der Journalisten, die mich mit ihren Fragen überhäuften.

Aber auch anderes habe ich erlebt: "Ihr habt gegen Deutschland gekämpft", hielt mir ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger vor, als ich ihm erklärte, auf welcher Seite meine Kameraden und ich damals gestanden haben. Auf meine Entgegnung, wir kämpften für Deutschland, dafür, Deutschland von Hitler und seinem Krieg zu befreien, erwiderte dieser Veteran: "Wir wollten ja gar nicht befreit werden."

Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder an diesem 60. Jahrestag der Landung in der Normandie am Memorial in Caen erklärte, er repräsentiere ein anderes als das damalige Deutschland, so ist das wohl wahr, obwohl in diesem Land die Vergangenheit noch immer nicht ganz vergangen ist. Wir aber, wir standen schon damals, in dem entsetzlichsten, blutigsten und schändlichsten Abschnitt seiner Geschichte, für das andere Deutschland."

Aus dem Leben von Peter Gingold

Peter Gingold wurde 1916 in Aschaffenburg geboren und wuchs in einem jüdischem Elternhaus mit sechs Geschwistern auf. Sein Vater war Schneidermeister. Mit 14 Jahren begann Peter Gingold eine kaufmännische Lehre und wurde sogleich Mitglied in der Gewerkschaftsjugend. Wie viele Juden seiner Generation faszinierten ihn sozialistische Ideen. Diesen Ideen blieb er sein Leben lang treu. Nach der Machtergreifung Hitlers emigrierte seine Familie nach Frankreich, der 17 Jährige aber ging in die Illegalität um den Widerstand zu organisieren. Im Juni 1933 verhaftete ihn die SA bei einer Razzia. Mehrere Monate Haft und das Exil nach Frankreich folgten. In Paris arbeitete Peter Gingold beim Pariser Tagblatt, einer Zeitung für deutsche politische Emigranten, heiratete und lernte in diesen Jahren auch Willy Brandt kennen. Nach der Besetzung Frankreichs ging er für die Resistance nach Dijon. Dort war es seine Aufgabe, Kontakt zu deutschen Soldaten herzustellen und sie für die Zusammenarbeit mit der Resistance zu gewinnen. Zwei seiner Geschwister wurden währenddessen 1942 in Paris verhaftet und nach Auschwitz deportiert. In Dijon wurde auch Peter Gingold im Frühjahr 1943 von der Gestapo verhaftet, für mehrere Wochen inhaftiert und gefoltert bis ihm die Flucht gelang. Er nahm am Pariser Aufstand teil und ging anschließend mit dem 1. Pariser Regiment nach Lothringen. Peter Gingold sollte deutsche Soldaten zu Kapitulation und Aufgabe bewegen. Das Kriegsende erlebte er bei den Partisanen in Norditalien.

Für seine großen Verdienste für die Befreiung ihres Landes von der deutschen Besatzung hat die Französische Regierung Peter Gingold mit dem Befreiungsorden ausgezeichnet. (aus www.freundschaft-mit-valjevo.de/besuchpaf/20030523gingold.htm)