Neues Deutschland - 21. April 2004

Chevalier Leo - félicitations!


Seit dem 3. Juni 1944 ist Gerhard Leos Leben nur noch ein »Nachschlag«. Einer, der nun schon sehr lange dauert

Von Christina Matte

Es dürften nicht viele Deutsche sein, die von sich behaupten können, Mitglied der Ehrenlegion zu sein. Gerhard Leo darf das seit letztem Dienstag. Im Berliner Café Sybille ernannte ihn Abel Farnoux, Großoffizier der Ehrenlegion und eigens aus Paris angereist, zum Chevalier de la Légion d'honneur. Auch von der Zeitung, die seiner Feder bis in die 80er Jahre hinein glänzende Publizistik verdankte, eine Umarmung und herzlichen Glückwunsch.
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Über Gerhard Leos Leben ist oft und viel geschrieben worden. Am besten freilich von ihm selbst: In seinem zuverlässig klaren, bescheiden-unpathetischen Stil schildert er in »Frühzug nach Toulouse«, einem autobiografischen Buch, was ihn als 19-Jährigen in die Résistance führte, was er erlebte, was ihm widerfuhr. So brauchte sich die Reporterin eigentlich nur zu bedienen aus gedruckter Fakten- und Gedankenfülle, und sie wird auch nicht umhinkommen. Denn was immer gedruckt wurde, ist nicht ja zwangsläufig das, was wir wissen.
Wer weiß schon, dass 1927 der noch kaum bekannte Joseph Goebbels wegen Verleumdung verurteilt wurde? Er hatte öffentlich behauptet, sein häufig karikierter Klumpfuß habe patriotischen Ursprung: Im französisch besetzten Köln sei er 1923 in Gegenwart des Generals, der die Truppen kommenadierte, inhaftiert und gefoltert worden. Und wer weiß schon, dass Gerhard Leos Vater, der jüdische Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Leo, die Klage des Generals vertrat und lückenlos beweisen konnte, dass der spätere Propagandaminister nie inhaftiert und gefoltert worden war, sondern schon mit dem Klumpfuß zur Welt kam? Weshalb sich Goebbels später rächte: Gleich in der Nacht nach dem Reichstagsbrand ließ er Dr. Wilhelm Leo von SA-Leuten blutig schlagen und in das KZ in Oranienburg bringen. Nur auf Fürsprache Ernst Wiecherts, eines den Nazis zunächst genehmen Autors, der später selbst Buchenwald durchlebte, wurde er vorläufig entlassen. Gerhard Leo, zehn Jahre alt, flüchtete mit seinen Eltern über die belgische Grenze nach Frankreich.
Episode an Episode: der kleine Buchladen in Paris, den der Vater eröffnete. Anna Seghers, Heinrich Mann, Egon Erwin Kisch, Lion Feuchtwanger lasen in den bescheidenen Räumen, die schon bald ein Ort der Begegnung deutscher Emigranten wurden. Der kleine unglückliche Junge, dem die Rheinsberger Freunde fehlten. Die Pariser Kinder konnte und wollte er wohl nicht verstehen. Selbst als er an Diphtherie erkrankte, blieb er im Krankenhaus traurig und einsam, bis ihm eine junge französische Ärztin, eine »Frau von außergewöhnlicher Schönheit«, in die er sich heftig verliebte, jeden Tag vor ihrem Dienst eine Stunde widmete, um ihn in Französisch zu unterrichten. So dass er nach drei Monaten, als er das Krankenhaus verließ, genauso gut Französisch sprach wie französische Altersgefährten.
Episoden? Im Nachhinein fehlt ihnen das Beiläufige. Doch ist es nicht immer das Beiläufige, das irgendwann an Gewicht gewinnt, das Leben in eine Bahn bringt?
1943 sitzt Leo im besetzten Frankreich im überfüllten Zug nach Toulouse. Dort hatte eine Gruppe deutscher Kommunisten, viele Spanienkämpfer darunter, ihre Arbeit im Auftrag der französischen Résistance aufgenommen. Er ist 19 Jahre alt, auf seinem gefälschten Ausweis allerdings zwei Jahre jünger. Laut Ausweis ist er auch Franzose, sein Name: Gérard Laban. Er wird viele Namen tragen: Gérard Lebert, Adrien Pouzargues, Jean-Pierre Ariège, Le Rescapé, Papa Leo - doch davon später. Im Zug nach Toulouse fährt er seinem ersten Einsatz für das Comité »Allemagne Libre« (Freies Deutschland für den Westen) entgegen.
Das deutsche Arbeitsamt vermittelt den vermeintlichen Sohn einer Elsässerin in die Transportkommandantur der Wehrmacht. Dort arbeitet er als Übersetzer. Und kann Informationen über Eisenbahntransporte für die Alliierten zusammentragen, einen unbekannten Gefährten, der verhaftet werden soll, warnen und ihm so das Leben retten. Als ihm selbst die Verhaftung droht, erfährt auch er Solidarität - von einem Wehrmachtsangehörigen.
Er kann sich nach Castres absetzen. Dort verteilt er Flugblätter, versucht, deutsche Soldaten und Offiziere für die Résistance zu gewinnen. Einer verrät ihn. Er wird verhaftet, misshandelt und wegen Wehrmachtszersetzung vor das Kriegsgericht in Toulouse gestellt, das ihn des Hochverrats bezichtigt, worauf die Todesstrafe steht. Wieder findet er Unterstützung: Sein Offizialverteidiger bewirkt, um Zeit zu gewinnen, dass sein Fall an das Oberste Kriegsgericht nach Paris überwiesen wird. Und nicht nur sein Fall, auch Leo selbst.
3. Juni 1944. Am Bahnhof der Kleinstadt Allassac bleibt der Zug, in dem Gerhard Leo, bewacht von fünf Feldgendarmen und einem brüllenden Hauptfeldwebel, nach Paris überstellt werden soll, plötzlich auf den Gleisen stehen. Noch weiß keiner von ihnen, dass die Kämpfer der Armee Francs-Tireurs et Partisans hier dieser Tage verstärkt operieren. 150 Partisanen hatten sich in Allassac der Waffen der Gendarmerie bemächtigt und für die daraufhin zu erwartenden Einheiten der deutschen Besatzer einen Hinterhalt gelegt. So hatten sie die Strecke gesprengt, weshalb der Zug nun am Bahnhof stand und Leo befreit werden konnte. Als »Le Rescapé«, der Gerettete, schloss er sich dem Kampf des Maquis an...
Hier sei zunächst ein Punkt gesetzt. In Leos ganzem späteren Leben wird es keine Zeit geben, die jener frühen Zeit vergleichbar, von ihr loszulösen wäre. Er selbst wird alles Spätere lediglich als »Nachschlag« empfinden. Die pergamentene Haut um seine Augen kräuselt sich in einem Lächeln: »Ein Nachschlag, der nun schon sehr lange dauert.« Leo ist mittlerweile 80.
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Schulen, in Deutschland wie in Frankreich, laden Gerhard Leo gern ein. Im Berliner Collège Français, dem Französischen Gymnasium zwischen Kurfürstenstraße und Lützowufer, erwartet man ihn zum ersten Mal. Es ist die zweite Februarwoche, nur Tage vor seiner Auszeichnung: In der Aula soll er vor 9. Klassen im Rahmen des Geschichtsunterrichts über sein Leben, seinen Kampf in der Résistance berichten. Die Schüler haben sich versammelt, neben mir ein Junge aus der 12., »man muss nicht in der 9. sein«, sagt er, »wer sich interessiert, darf teilnehmen«.
Leo tritt ein. Ein würdiger, eher kleiner Herr im Anzug - so erinnere ich mich an ihn, so ist er mir gelegentlich auf den Fluren des »Neuen Deutschland« begegnet, für das er als Korrespondent - natürlich in Frankreich - arbeitete. An mich, damals noch Anfängerin, erinnert er sich sicher nicht: Man näherte sich ihm nicht einfach so, dazu hatte man zu viel Respekt. Und mit respektvollem Applaus wird »Le Rescapé« auch jetzt begrüßt.
Und doch hat Gerhard Leo so gar nichts von den alten strengen Männern mit der Nummer auf dem Arm, die ich aus meiner Schulzeit kenne. Über die Leinwand flimmert ein Film, den das Deutsch-Französische Jugendwerk drehte und mit dem er stets versucht, sein junges Publikum einzustimmen. Der alte kultivierte Mann, der sich an Originalschauplätzen an seine Erlebnisse erinnert, mit Freunden und Kampfgefährten plaudert, ist von außergewöhnlicher Freundlichkeit, Milde. Ich frage mich, ob ein »Geretteter« nicht glücklicher ist als derjenige, der als »Retter« zurückkehrte. Er darf Dankbarkeit empfinden, statt sie einfordern zu müssen.
Was denken die Schüler während des Films, was über Leos erstaunliches Leben? Die Ereignisse, um die es geht, liegen 60 Jahre zurück! 60 Jahre - wie schlägt man da noch eine Brücke? Leos Leben: Immerhin umgibt es die Aura des Abenteuers. Mut und Gefahr spielen eine Rolle, Tapferkeit, Geheimnis, Freundschaft. Wie in Ken Follets »Die Leopardin«, nur dass hier alles sehr real ist. Ein bewundernswertes Leben? Das liegt im Auge der Betrachter.
Nach dem Film stellen sie Fragen. Auf Französisch, in jener Sprache, in der Leo auch antwortet - fließend, als sei es die Muttersprache, elegant, ohne je die Stimme zu heben. Ein Schüler möchte von ihm wissen: Ist es seine Hauptsprache? Leo sagt, ihm falle es leichter, französisch zu formulieren als deutsch. Vielleicht, weil er nur die ersten Jahre auf einer deutschen Schule verbrachte und seine französische Schulbildung dementsprechend solider ausfiel. Doch ja, er habe einmal gelesen, die Hauptsprache eines Menschen sei diejenige, in der er zählt und rechnet. Er zähle und rechne auf Französisch.
Fühle er sich nun als Deutscher oder als Franzose?, fragt jemand. Eine schwierige Frage, obwohl Gerhard Leo nach Kriegsende wieder in Deutschland lebte. Für seinen Vater und für ihn habe immer festgestanden, dass sie in Deutschland gebraucht würden. Sicher, seine deutschen Freunde würden bei Gelegenheit sagen, er sei ja ein richtiger Franzose. Doch keiner seiner französischen Freunde würde sagen: Du bist ein richtiger Deutscher.
Ein Schüler fragt, warum er als Deutscher gegen die eigenen Landsleute kämpfte. Viele seien doch zwangseingezogen worden, vornehmlich gegen Kriegsende, sein Großvater sei 16 gewesen! Leo entgegnet, er habe auch für seine Landsleute gekämpft, von denen zig Tausende in KZs gepfercht wurden. Und dass man Schuld natürlich nur individuell bemessen könne. Ohne Zweifel seien es aber deutsche Wehrmachtssoldaten gewesen, die damals Polen überfielen und das Gebiet Auschwitz sicherten, bevor dort das Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet wurde. Auch die Kriegsverbrechen in Frankreich wären wohl nicht möglich gewesen, wenn Wehrmachtssoldaten nicht zuvor das Territorium gesichert hätten. Der Enkel solle den Großvater fragen, was er von diesen Verbrechen wusste und wo er sich damals aufhielt...
Der Junge aus der 12. will wissen, was man unternehmen könne gegen Rechtsextremismus und Neonazismus. Eine Lehrerin, Französin, erkundigt sich, wie Gerhard Leo zu den Menschenrechtsverletzungen in der DDR stehe. Das ist es dann auch fast gewesen.
Leo glaubt, dass es Schülern nicht leicht fällt, im Kreise von Mitschülern Fragen zu stellen, weil sie fürchten, sich zu blamieren. Vielleicht sind sie aber auch zu jung, tiefer in den Stoff einzudringen, der widersprüchlicher, konfliktreicher bis in unsere Tage kaum sein könnte? Vielleicht bleiben schwierige Fragen ja auch deshalb unausgesprochen, weil der französische Blickwinkel, an der Schule geachtet, sie ausblendet? Zwar bröckelt der Mythos der Résistance als nationaler Widerstand seit geraumer Zeit auch in Frankreich, doch werden die vergleichsweise wenigen Kämpfer der Résistance gerade deshalb hoch geehrt. Vielleicht hätten die Schüler sonst hinterfragt: Sind Partisanen nicht Terroristen? Haben die Aktionen des Maquis nicht Vergeltungsaktionen wie die in Tulle oder Oradour-sur-Glane provoziert? Wann wird Widerstand zur Pflicht, Terrorismus legitim?
Vielleicht war die Veranstaltung aber auch einfach nur zu Ende.
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Was hat eine Zeit, was unsere nicht hat, dass sie ein ganzes Leben prägt?
Nach dem Krieg hatte sich Leo in Düsseldorf niedergelassen. War der Maquis von der FKP dominiert, waren es Ideale sozialer Gleichheit, die man im Maquis mit dem Frieden verband, so begann Leo nun seine Arbeit bei einer KP-Zeitung. Als die nach Jahren des Verbots nicht wieder auf die Beine kam und er seine Stelle verlor, siedelte er 1954 in die DDR über. Nein, vom Misstrauen gegen Westemigranten habe er selbst nichts mehr gespürt. Wenn doch, dann spricht er nicht darüber. Er wurde Leiter der Westabteilung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes, später kam er zum »Neuen Deutschland«, wo er seine Tätigkeit auf Recherchen aus dem gemeinsamen antifaschistischen Kampf von Deutschen und Franzosen konzentrierte. Beispielsweise rekonstruierte er die Umstände, unter denen sein Freund und Maquis-Gefährte Michael am 9. Juni 1944 in Uzerche ermordet wurde, aufgehängt an einer Laterne. Und zwar auf Befehl und in Anwesenheit von General Heinz Bernhard Lammerding, der auch für die Massaker in Tulle und Oradour verantwortlich war, aber in Deutschland nie vor Gericht stand. Leo ließ uns wissen, dass Lammerding 1971 als wohlhabender Bauunternehmer ruhig in seinem eigenen Bett starb.
Heute legt er Zeugnis an Schulen ab, engagiert sich in seinem Alter noch in der »Initiative gegen Abschiebehaft«. Im Abschiebegefängnis Berlin-Grünau, wo er Häftlinge besucht, die, weil sie keine Papiere haben, bis zu anderthalb Jahren eingesperrt bleiben, obwohl sie nichts verbrochen haben, nennen sie ihn »Papa Leo«. »Man darf nicht dulden, dass eine Gruppe von Menschen vom geltenden Recht ausgeschlossen wird. Eine Lehre aus der Nazizeit«, sagt er.
Was hat eine Zeit, was unsere nicht hat, dass sie ein ganzes Leben prägt? Es gibt Zeiten, in denen muss man sich entscheiden - für Würde oder Niedertracht, Anpassung oder Widerstand. Und die Entscheidung hat Konsequenzen - für Leben oder Tod, Krieg oder Frieden. Was wir heute tun - ob wir nun dieser oder jener Partei angehören, ob wir zur Wahl gehen oder nicht -, ist im Grunde unwichtig. Bedauerlich. Und doch: welch Glück.

(ND 21.02.04)


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