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Prof. Bruchhäuser

Die Geschichte des Nationalkomitees „Freies Deutschland"

Vortrag zur wissenschaftlichen Konferenz an der Russischen Staatlichen Sozialen Universität Dedovsk bei Moskau vom 8.-9. Mai 2009 am 08.05.2009 anläßlich des 64. Jahrestages der Beendigung des Großen Vaterländischen Krieges.

 

Meine sehr verehrten Damen,
meine Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen.

Sie begehen den 64. Jahrestag des Endes des Großen Vaterländischen Krieges. Es ist für Sie der Tag des Sieges, ein Tag der Freude über das Ende des schlimmsten aller Kriege. Dieser Krieg hatte Ihrem Land und seinen Menschen unermeßliche Opfer und unsägliches Leid gebracht. Für einen Deutschen ist dies vor allem ein Tag der Besinnung, der inneren Einkehr, aber auch der Erkenntnis, daß für uns dieser Tag nicht nur ein Tag der Niederlage war, sondern ebenso ein Tag der Befreiung: Er hat uns alle befreit von der verbrecherischen Herrschaft des Nationalsozialismus.

Wenn wir an den Krieg denken, der diesem Tage vorausging, dann weckt dies bei uns zunächst konkrete Vorstellungen: Des blutigen Kampfes von Menschen gegeneinander, des Einsatzes von Waffen und Gerät, um andere Menschen zu vernichten, von Tod, Verwundung, Verstümmelung, Zerstörungen, von unermeßlichem Leid der Menschen, Soldaten wie Zivilisten, Einzelnen wie Familien, Erwachsenen wie Kindern. Neben dieser blutigen Front hat ein Krieg aber noch weitere, unsichtbare Fronten: Hierzu zählt vor allem auch die Front der gegenseitigen Überzeugungen, in deren Zeichen der Krieg geführt wird; dieser unsichtbaren Front werde ich mich im folgenden zuwenden.

Kein Mensch wird als Feind eines anderen geboren; Feindschaften werden geschaffen, sie werden geschürt, durch Propaganda, durch die Vermittlung von Feindbildern, durch das Erzeugen von Angst und von Szenarien, welche den anderen Menschen als bedrohlich erscheinen lassen. So entstehen feindliche Einstellungen bei den Menschen, die einen Krieg führen sollen: Sie sollen vom Sinn des Krieges, ihres blutigen, zutiefst unmenschlichen Tuns, überzeugt werden. Bei Soldaten bezeichnet man eine solche Einstellung als Kampfmoral. Insofern beginnen Kriege bereits lange Zeit, bevor der erste Schuß fällt; sie beginnen mit der Erzeugung von Feindbildern bei den Menschen.

Im Krieg ist man demnach bemüht, nicht nur durch die Gewalt der Waffen im Kampf zu bestehen, sondern man wird auch versuchen, auf die Überzeugung der gegnerischen Soldaten Einfluß zu nehmen, ihre Kampfmoral zu erschüttern, das ihnen vermittelte Feindbild aufzulösen. Wer im Krieg vom Sinn des eigenen Handelns nicht mehr überzeugt ist, der wird nicht mehr kämpfen wollen. Mehr noch: Er wird seine Zweifel auch anderen mitteilen mit dem Ergebnis, daß deren Kampfmoral zersetzt wird. In diesem Zusammenhang steht die Bewegung „Freies Deutschland".

Ich brauche hier nicht die Eigenart des Krieges zu schildern, der am 22. Juni 1941 von Deutschland gegen die Sowjetunion begonnen wurde. Es war ein Krieg, der bestehende Verträge brach, der gegen das gesamte Kriegsvölkerrecht verstieß, ein Ausrottungs- und Vernichtungskrieg, der nichts und niemanden verschonte, der ohne Beispiel in der Geschichte war. Er beruhte auf der Lüge eines Präventionskrieges, auf Feindbildern gegenüber Menschen und deren Überzeugungen; er appellierte an die niedrigsten Instinkte in den deutschen Soldaten und Offizieren; er verhöhnte die Traditionen des Humanismus, der Aufklärung, der Menschenliebe, der geistigen Traditionen und des Christentums; er säte Haß. Jahrhunderte der Entwicklung des menschlichen Fortschritts wollte er auslöschen, zurückführen in die Barbarei. Dieser Krieg wurde von der Generation unserer Eltern in einer Weise geführt, die uns immer entsetzen wird. Noch unsere Enkel werden sich dafür schämen, was unsere Väter hier bei Ihnen angerichtet haben.

Es war wohl diese Eigenart dieses furchtbarsten aller Kriege, den Sie zu Recht als den Großen Vaterländischen Krieg bezeichnen: nämlich in der antifaschistischen Bewegung „Freies Deutschland" bei einzelnen Deutschen, nicht bei allen, Besinnung und innere Umkehr bewirkt zu haben; eine Besinnung auf die Grundlagen der menschlichen Zivilisation, der Toleranz, der Nächstenliebe, der Achtung voreinander.

Dabei waren in der ersten Phase dieses Krieges, in der Zeit der militärischen Erfolge Hitlerdeutschlands, die Feindbilder bei den deutschen Soldaten zunächst überaus wirksam. Nur wenige Deutsche gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, und eine verschwindend geringe Minderheit unter diesen Frühgefangenen kam zur Einsicht in den abgründigen Charakter dieses Krieges. Sie wandten sich von Hitler ab und versuchten, ihre Überzeugung auch ihren Mitgefangenen in den Kriegsgefangenenlagern zu vermitteln. So entstanden die ersten Anfänge einer antifaschistischen Bewegung unter den deutschen Kriegsgefangenen. Sie blieb weitgehend erfolglos, zu intensiv wirkten die vermittelten Feindbilder nach; statt dessen kam es in den Gefangenenlagern zu haßerfüllten Auseinandersetzungen zwischen den Befürwortern und den Gegnern des von Hitler geführten Krieges.

Die Ereignisse der Schlacht um Stalingrad gaben der antifaschistischen Bewegung in den Kriegsgefangenenlagern zum Beginn des Jahres 1943 dann Auftrieb: Einerseits stieg die Anzahl der deutschen Kriegsgefangenen nun sprunghaft an; andererseits hatten die Erfahrungen im Kessel von Stalingrad die persönlichen Überzeugungen der eingeschlossenen deutschen Soldaten auf das tiefste erschüttert. Es war die Erfahrung des Verrats durch die eigene politische und militärische Führung, die Einsicht in den verbrecherischen Charakter dieses Krieges, der nun am eigenen Leibe erfahren wurde, auch die Frage nach dem Ausgang des Krieges und die Sorge um die Zukunft Deutschlands - all dies war eine Folge der Erfahrungen im Kessel von Stalingrad, eines namenlosen Grauens. In Stalingrad ist über zweieinhalb Monate hinweg eine ganze Armee verhungert und erfroren, von 300.000 Eingeschlossenen sind 91.000 in Gefangenschaft gegangen, von diesen sind die meisten in den folgenden Wochen an Erschöpfung und an Seuchen verstorben, lediglich 6.000 kehrten heim; nur jeder fünfzigste hat überlebt. Die Begegnung mit diesen Überlebenden von Stalingrad gehört zu den erschütternsten Erlebnissen meiner Forschungstätigkeit: Männer, die das neunzigste Lebensjahr überschritten hatten und die auch mehr als sechzig Jahre nach dem Geschehen keine Worte fanden für ihr Entsetzen, die in Tränen ausbrachen, die vom Leid der deutschen wie auch der sowjetischen Soldaten berichteten, von Hunger und Kälte, von standrechtlichen Erschießungen, von Kannibalismus unter den deutschen Soldaten, von Menschen, die in dieser Apokalypse wahnsinnig wurden.

Unter dem Einfluß solcher Erfahrungen stellte sich den Überlebenden die Frage nach dem Sinn und nach der Berechtigung dieses Krieges. Hinzu kamen die ersten Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft: Die befürchtete Erschießung nach der Gefangennahme unterblieb, mehr noch: Immer wieder wird von der aufopferungsvollen Pflege des sowjetischen Sanitätspersonals berichtet, nachdem die endgültigen Kriegsgefangenenlager erreicht waren. Für viele Kriegsgefangene war dies eine tiefgehende Erfahrung, die ihre bisherigen Feindbilder nachhaltig erschütterten. Noch heute stößt man in Deutschland zuweilen auf ungläubiges Staunen, wenn man von dieser Tatsache berichtet.

Der hierauf einsetzende Sinneswandel einer Anzahl deutscher Kriegsgefangener schuf die Voraussetzung für die Gründung des Nationalkomitees „Freies Deutschland". Es handelte sich dabei um eine Sammlungsbewegung deutscher Kriegsgefangener und deutscher Emigranten in der Sowjetunion gegen das Hitlerregime.

Den Emigranten, die in der Sowjetunion Zuflucht vor der nationalsozialistischen Barbarei gesucht hatten, war der Widerstand gegen Hitler, der tätige Aufruf zur Besinnung, zur Umkehr, selbstverständlich; er richtete sich gegen die Urheber des Verlustes ihrer Heimat, des Elends ihrer Emigration. Anders verhielt es sich mit den kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Offizieren, bei denen die offene Abkehr von Hitler grundsätzliche Fragen aufwarf: Die Vereinbarkeit mit dem auf Hitler persönlich geleisteten Diensteid, bei Offizieren und Generälen zudem ihrer Ehrauffassung, die Gegenstand ihrer Erziehung und ihres Selbstverständnisses war. Es ging um die Preisgabe der bisherigen Selbstverständlichkeit des Treuebegriffes, von Traditionen, der hergebrachten Auffassung von Hoch- und Landesverrat, auch um die Wirksamkeit des propagandistisch vermittelten Feindbildes, nicht zuletzt des Selbstverständnisses des unpolitischen Militärs.

Hinzu trat die Abwägung der Konsequenzen des öffentlichen Auftretens gegen Hitler. Die Entscheidung setzte die Überzeugung einer bevorstehenden Niederlage Deutschlands voraus; ein anderer Kriegsausgang hätte den persönlichen Entschluß in den Gegensatz zum elementaren Interesse an der Heimkehr gestellt, hätte diese ausgeschlossen: Bei einem Waffenstillstand drohte lebenslanges Exil, ein deutscher Sieg hätte den Kopf gekostet. Die Konsequenzen des eigenen Handelns für die in Deutschland zurückgebliebenen Familien waren ein weiterer Gesichtspunkt der persönlichen Entscheidung gegen Hitler. Trotzdem entschlossen sich diese Kriegsgefangenen zum Handeln. Es ist deshalb außergewöhnlich, nahezu einzigartig, ohne Beispiel in der Geschichte, daß sich Soldaten und Offiziere nicht nur zur Abkehr von ihrem Kampfauftrag bewegen ließen, sondern aktiv tätig wurden gegenüber ihrem bisherigen Kriegsherren. Es war eine Entscheidung gegen alle Tradition, Erziehung und Konvention, aus der Bedrängnis von Prägung, Einsicht, Erfahrung und patriotischer Gesinnung.

Noch etwas Bemerkenswertes trat hinzu: Kriegsgefangene und kommunistische Emigranten fanden hier in einer Gemeinschaft zusammen, die ihresgleichen suchte, und zwar in einer verbindenden nationalen Grundüberzeugung. Hier wirkten die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und politischen Richtungen zusammen, die zuvor in Deutschland einander gegenübergestanden hatten; sowohl in der Weimarer Republik als auch im Spanischen Bürgerkrieg hatte man einander bekämpft, hatten klassen- und standesmäßige Ressentiments scheinbar unüberwindliche Gräben geschaffen. Nun aber dominierte das gemeinsame patriotische Interesse, die Zusammenarbeit in der Bewegung „Freies Deutschland": Angesichts eines gemeinsamen inneren Feindes ohne Beispiel, der sich der Heimat bemächtigt hatte, der Hybris seines Anspruches, der Praxis seiner maßlosen Gewalt nach innen und nach außen, der Okkupation der Staatsmacht durch eine Verbrecherbande ohnegleichen, auch der brennenden Frage nach der Zukunft Deutschlands nach der absehbaren Niederlage im Krieg. Die Einigkeit gegen diesen inneren Feind, ein zutiefst patriotisches Anliegen, ermöglichte in der Bewegung „Freies Deutschland" Bündnisse, die sonst kaum vorstellbar gewesen wären, und erst das Zurückstellen der wechselseitigen Vorbehalte ermöglichte die Funktionsfähigkeit der Bewegung. Diese Gemeinsamkeit ist begründbar mit der Volksfrontstrategie gegen den Faschismus, die im Jahre 1935 vom VII. Kongreß der Komintern verabschiedet worden war,  aber diese Begründung reicht nicht aus: man kann mit Parteitagsbeschlüssen keine Bewußtseinsänderungen dekretieren, dazu bedarf es tiefgehenderer, mental wirksamer Einflüsse - eben solchen, wie sie hier vorlagen.

Vor dem Hintergrund dieser Vorgänge, der Entwicklung und Wirksamkeit von Bewußtsein und patriotischer Grundüberzeugungen nämlich, vollzogen sich die Gründung und Tätigkeit des Nationalkomitees „Freies Deutschland". Nach allem, was wir heute wissen, ging die Initiative zu dessen Gründung von Stalin persönlich aus. Nach der Auflösung der Kommunistischen Internationale (Komintern) im Frühjahr 1943 wurden maßgebliche sowjetische Organe tätig, um binnen weniger Wochen das Nationalkomitee ins Leben zu rufen: insbesondere die 7. Abteilung der Politischen Hauptverwaltung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee sowie die Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Internierte des NKVD der UdSSR.

Nach der Werbung geeignet erscheinender Kriegsgefangener in den Lagern fand die Gründungsversammlung des Nationalkomitees am 12. und 13. Juli 1943 im Klubhaus des Mechanikwerkes in Krasnogorsk statt. Zum Präsidenten des Nationalkomitees bestimmten die sowjetischen Organe einen deutschen Emigranten, den kommunistischen Schriftsteller Erich Weinert; Vizepräsidenten wurden drei deutsche Soldaten, unter ihnen Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel, ein Urenkel Bismarcks, auch Max Emendörfer, ein Kommunist, der zur Roten Armee übergelaufen war. Höchster Dienstrang der Kriegsgefangenen im Nationalkomitee war der des Majors.

In Krasnogorsk wurde ein Manifest verabschiedet, das die Kriegslage beschrieb und zum Sturz Hitlers und zur Beendigung des Krieges aufrief; Autoren des Manifestes waren die kommunistischen Emigranten Rudolf Herrnstadt und Alfred Kurella. Das Nationalkomitee hatte seinen offiziellen Sitz mit den Kriegsgefangenen in dem Dorf Lunjovo nordöstlich von Moskau, die beteiligten deutschen Emigranten, u.a. Erich Weinert, Walter Ulbricht und Rudolf Herrnstadt, arbeiteten in Moskau, im sogenannten „Institut 99".

Die höheren deutschen Offiziere hatten sich einer Teilnahme am Nationalkomitee zunächst verweigert. Mitte September 1943 wurde daraufhin in Lunjovo eine weitere Organisation ins Leben gerufen, der „Bund Deutscher Offiziere", der sich mit dem Nationalkomitee zur Bewegung „Freies Deutschland" verband. Präsident des Offiziersbundes wurde der General der Artillerie Walther von Seydlitz, der sich gemeinsam mit drei weiteren deutschen Generälen aus dem Kessel von Stalingrad zum Kampf gegen Hitler entschlossen hatte. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren nicht nur die Erfahrungen in Stalingrad und die Sorge um die Zukunft Deutschlands, sondern auch eine sowjetische Zusicherung: Wenn es der Bewegung „Freies Deutschland" gelingen sollte, die Hitlerregierung mit Hilfe der Wehrmacht zu stürzen, ehe die kämpfenden Truppen das Gebiet des Deutschen Reiches erreichten, garantierte die Sowjetunion den Fortbestand eines einheitlichen Deutschen Reiches in den Grenzen von 1938, den Fortbestand der Wehrmacht sowie eine freiheitliche und selbständige Entwicklung Deutschlands, das mit seinen Nachbarn durch Friedens- und Freundschaftsverträge verbunden sein sollte. In außenpolitischer Hinsicht war die Gründung des Nationalkomitees zudem ein eindeutiges Signal der Sowjetunion an die Westmächte, die bislang ihre Zusage zur Errichtung einer zweiten Front im Westen Europas noch immer nicht eingehalten hatten.

Nach der Gründung des Nationalkomitees nahm ein Rundfunksender „Freies Deutschland" seinen Betrieb auf, der im gesamten Deutschen Reich empfangen werden konnte, es erschien die Wochenzeitung „Freies Deutschland", die in Kriegsgefangenenlagern verteilt und über den Frontlinien abgeworfen wurde. Frontbevollmächtigte des Nationalkomitees gingen an alle Fronten der Roten Armee, sie wurden dort mit Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen über die Frontlinie hinweg tätig, einzelne Beauftragte gingen über die Frontlinie und agitierten hinter den deutschen Linien; mehrere kamen dabei ums Leben. Es war ein Kampf ohne Waffen, nur mit Worten; das Angebot von Seydlitz, aus den Reihen der deutschen Kriegsgefangenen eine „Deutsche Befreiungsarmee" im Umfang von 30.000 Mann in drei Divisionen aufzustellen, wurde von sowjetischer Seite abgelehnt.

Nach dem Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppe Mitte im Juli 1944 bekannten sich weitere 17 der dort gefangenen deutschen Generäle zur Bewegung „Freies Deutschland", ihr öffentlicher Aufruf zur Beendigung des Krieges und zum Sturz Hitler blieb allerdings ebenso wirkungslos wie der Beitritt und Aufruf des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus im August 1944. Schließlich wandten sich im Dezember 1944 50 deutsche Generäle aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft heraus mit einem Aufruf an Volk und Wehrmacht, Hitler zu stürzen und den Krieg zu beenden: Ein einzigartiges Dokument von Einsicht und Verantwortung, spät zwar, aber immerhin. Sie alle bewegte keineswegs ein Bekenntnis zum Kommunismus, vielmehr die patriotische Sorge und Verantwortung um die Zukunft der gemeinsamen Heimat.

Die nationalsozialistische Führung verschwieg zunächst die Existenz der Bewegung „Freies Deutschland", zu unwägbar erschienen deren Wirkungen in der Wehrmacht und in der deutschen Zivilbevölkerung. Nach Stauffenbergs Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gab man diese Zurückhaltung auf, schrieb das Attentat zunächst dem Nationalkomitee zu und rächte sich an den Familien der Beteiligten in Deutschland; seit dem Herbst 1944 kam eine Vielzahl von ihnen, Frauen, Kinder und Eltern, in die sogenannte „Sippenhaft". General von Seydlitz wurde im Sommer 1944 durch das Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Die Angehörigen der Bewegung „Freies Deutschland" blieben dabei in sowjetischer Kriegsgefangenschaft unter ihren Mitgefangenen immer eine Minderheit, und sie sollten es auch später, nach ihrer Heimkehr, bleiben; in der Nachkriegszeit waren sie in Deutschland um ihrer Einsicht und ihres Handelns willen nur zu oft verfemt. Die Unfähigkeit zur Trauer umgab uns in unseren frühen Jahren. Jahrzehnte mußten vergehen und eine neue Generation mußte mit ihren Fragen heranwachsen, um dem Gift der Selbstgerechtigkeit bei der Mehrheit der Alten entgegenzutreten. Die Einsicht ist eine stille Schwester, nie ist sie laut und aufdringlich; sie läßt sich Zeit mit ihrem Besuch bei uns, aber dann ist sie eine verläßliche Gefährtin, die uns ein Leben lang begleitet.

Alle Bemühungen, den Krieg vorzeitig zu beenden, blieben ohne Erfolg; zu verhärtet waren auf deutscher Seite die Feindbilder, zu tief wurzelte der in Generationen anerzogene Untertanengeist, zu schwach waren die humanistischen Überzeugungen, zu sehr hatte die nationalsozialistische Propaganda die deutsche Mentalität vereinnahmt. Deutschland befreite sich nicht aus eigener Verantwortung und Kraft von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sondern es wurde besiegt, geteilt und verlor aus eigener Schuld ein Drittel seines Staatsgebietes.

Vor all diesen Konsequenzen hatte die Bewegung „Freies Deutschland" gewarnt, hatte sie das eigene Land bewahren wollen. Wenn deshalb regelmäßig die Meinung vertreten wird, die Bewegung „Freies Deutschland" sei insgesamt ein Mißerfolg gewesen, so möchte ich dem gleichwohl widersprechen: Sie hat bei nahezu allen Beteiligten eine Besinnung auf grundlegende Werte der menschlichen Existenz bewirkt und ihr weiteres Leben maßgeblich mitbestimmt, und auch der militärische Mißerfolg der Zersetzungsarbeit ist relativ zu sehen: Wenn durch die Arbeit der Bewegung „Freies Deutschland" auch nur ein einziges Menschenleben gerettet wurde, dann waren deren Bemühungen insgesamt ein unbestreitbarer Erfolg - eine Wertung, die uns das Gebot der Ehrfurcht vor dem Leben auferlegt.

Das Ende des Nationalkomitees und der Bewegung „Freies Deutschland" ist rasch erzählt: Nach dem Ende des Krieges, 1945, kehrten die Emigranten, aber nur wenige der kriegsgefangenen Mitglieder nach Deutschland zurück. Anfang November 1945 löste sich die Bewegung „Freies Deutschland" auf, die meisten ihrer kriegsgefangenen Mitglieder wurden wieder in reguläre Kriegsgefangenenlager überstellt. Vereinzelt kehrten sie in den folgenden Jahren heim, davon im September 1948 fünf Generäle und 100 Offiziere: Sie gingen in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands, wo sie die Kasernierte Volkspolizei aufbauten, den Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR; die Wiederbewaffnung Deutschlands hatte begonnen.

Ein weiterer Teil der Kriegsgefangenen wurde im April 1950 entlassen, nicht aber der ehemalige Präsident des Bundes Deutscher Offiziere: General Walther von Seydlitz wurde im Frühsommer 1950 ohne zutreffende Beweislage wegen Kriegsverbrechen erst zum Tode verurteilt, obwohl die Todesstrafe in der UdSSR mittlerweile abgeschafft worden war, dann zu 25 Jahren Haft; Seydlitz war damit zweimal zum Tode verurteilt worden, einmal durch Hitler, dann von seiner Gewahrsamsmacht. Von den 25 Jahren verbüßte er fünf Jahre; 1955 kehrte er im Rahmen der allgemeinen Entlassung der verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurück.

Ein besonderes Schicksal war einem der Vizepräsidenten des Nationalkomitees vorbehalten, dem Kommunisten Max Emendörfer, der zur Roten Armee übergelaufen war. Er gehörte zu den ersten, die im Sommer 1945 nach Deutschland zurückkehrten, wurde bald danach verhaftet und in das Internierungslager nach Sachsenhausen bei Berlin gebracht, das ihm vertraut war: In diesem Konzentrationslager hatten ihn bereits bis 1937 die Nationalsozialisten inhaftiert. Nunmehr warf man ihm vor, sich seinerzeit freiwillig zur Wehrmacht gemeldet zu haben; daß er dies getan hatte, um an der Ostfront zur Roten Armee überlaufen zu können, blieb dabei unberücksichtigt. Emendörfer kam in die Sowjetunion zurück, wo er verschiedene Lager durchlief und man ihn schließlich nach Sibirien verbannte. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU konnte auch er im Jahre 1956 nach Deutschland zurückkehren; er ging nicht nach Westdeutschland in seine Heimatstadt Frankfurt am Main, sondern in die DDR, denn er war nach wie vor überzeugter Kommunist.

So gehen an einem Tag wie dem heutigen unsere Gedanken zurück. Es war meine Absicht, Ihnen am Beispiel des Nationalkomitees „Freies Deutschland" den Zwiespalt der Gedanken und Gefühle zu vermitteln, die einen Deutschen an diesem Tag bewegen. Wir können und dürfen den Mai 1945 nicht trennen von dem 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland: Ab diesem Tage wurden in Deutschland Feindbilder durch den Staat erzeugt; Feindbilder, die sich dann in diesem entsetzlichen Krieg Bahn brachen und deren Konsequenzen die Männer und Frauen des Nationalkomitees Einhalt gebieten wollten, vergeblich.

Es gibt schwierige Vaterländer; Deutschland ist eines von ihnen. Aber es ist unser Vaterland, auch wenn wir es uns nicht ausgesucht haben, nicht aussuchen konnten. Eine bleiche Mutter hatten wir an unserer Heimat, die sündig geworden war an anderen und an sich selbst; aber es blieb unsere Mutter. Wir leben mit den Konsequenzen der Gewaltherrschaft Hitlers, vor denen die Einsichtigen mit ihren Überzeugungsversuchen gewarnt hatten, die sie verhindern wollten. Fast ein Drittel des Staatsgebietes zu verlieren, ohne dies beklagen zu können, zu dürfen; fünfzehn Millionen Heimatvertriebene aufzunehmen, und die Ursache und Schuld dafür bei uns selbst zu finden; in zerstörten Städten, in Trümmern aufzuwachsen, ohne Klage: Denn was von unseren Eltern angerichtet wurde, bei unseren Nachbarn, macht uns stumm. 60 Millionen Tote, zerstörte Leben, verwüstete Landschaften, Trauer, Leid, Verstümmelung der Menschen und ihrer Welt. Mütter, die um ihre Söhne und Töchter trauern mußten; Frauen, die ihr Leben allein verbringen mußten ohne den geliebten Mann; Kinder, die vergeblich nach ihrem Vater, ihrer Mutter fragten und keine Antwort erhielten, die allein aufwachsen mußten: All dies hat die Generation unserer Eltern hinterlassen. Wir nehmen dieses Erbe an, es ist unsere Verantwortung: Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein.

In unseren Kindern aber haben wir eine neue Generation heranwachsen sehen, die so ganz anders ist als die unserer Väter, unserer Eltern: Befehl und Gehorsam sind ihnen fremd; sie sind kritisch uns, ihren Eltern gegenüber, sie wollen überzeugt werden vom besseren Argument. Was uns als Nachkriegsgeneration immer verschlossen blieb, aus der Vergangenheit heraus: Unsere eigenen Kinder sind kritisch, aber auch unbefangen gegenüber dem Land ihrer Herkunft. Wenn ich es recht bedenke, dann ist es die Jugend, die wir uns immer gewünscht haben. Bitte lassen Sie uns unsere Erfolge nicht im ideologischen Kampf suchen, wie er damals erforderlich war, sondern in der Erziehung zum Frieden.

Mögen sie einander begegnen, Ihre und unsere Kinder, mögen sie miteinander reden und Verständnis füreinander entwickeln. Wer einander kennt, für den hat der andere ein Gesicht; er sieht Vorzüge, auch Schwächen, aber er kann nicht mehr aus Unwissenheit, aus Unkenntnis zum Feind des anderen gemacht werden. Möge das Erzeugen von Feindbildern, der ideologische Kampf an den Fronten den Krieges, egal welchen Krieges, der Vergangenheit angehören: Einer Vergangenheit, der wir gedenken; um deren Opfer wir trauern; die wir aber in unseren Kindern, um ihrer Zukunft willen, überwinden. Einer besseren Gegenwart wegen, als sie unseren Eltern und ihrem Leben beschieden war.

Ich danke Ihnen.