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Kurt Hälker:

 

„La Femme Allemande“

Aus Respekt vor der Standhaftigkeit, mit der Irene Wosikowski Gestapofolter ertrug und ihrem ungebrochenen Mut sowie ihre Treue, die sie zur Sache der Résistance bezeugte, gaben französische Patrioten aus Marseille ihr diesen Ehrennamen.
Der Anteil, den Frauen am Kampf für den Frieden, am Kampf für die Beendigung des 2. Weltkrieges hatten, ist wesentlich größer als allgemein angenommen wird. Deutsche Antifaschistinnen haben seit 1933 einen unendlichen Leidensweg hinter sich. Viele haben trotz des 1933 einsetzenden Schrekkens standhaft weiter gearbeitet. Sie wussten, dass ihnen Zuchthaus, Konzentrationslager und Tod drohten. Deutsche Widerstandskämpferinnen wirkten in allen Teilen Deutschlands und weit über die Grenzen hinaus, sie waren überall dort, wo deutsche Frauen lebten. Die Zahl der durch die faschistische Justiz ermordeten Frauen ist sehr hoch. Eine der engagiertesten und mutigsten in der langen Reihe der Friedenskämpferinnen war IRENE WOSIKOWSKI, am 9. 2. 1910 in Danzig geboren, am 27. 10. 1944 im jungen Alter von 34 Jahren in Berlin Plötzensee hingerichtet. Irene verbrachte einen Teil ihrer frühen Kindheit in einem sozialdemokratischen Elternhaus in Kiel. Sie wuchs mit ihrem Bruder in der sie prägenden Solidargemeinschaft der Arbeiterbewegung gegen Krieg und soziale Not auf. Der Tod des Vaters – im Oktober 1914 in dem ihm so verhassten Krieg bei Lille (Frankreich) gefallen – beeinflusste die politische Einstellung der Familie nachhaltig. Irene ging als 14jährige in Hamburg zur Handelsschule, schloss sich dort der marxistischen Jugendbewegung an und wurde schließlich Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD). Freunde erzählen über sie:
„Irene war sehr aktiv, kämpferisch, aber auch gesellig, burschikos und sehr lebenslustig. Zwischen 1926 und 1930 war Irene politischer Leiter und Organisationsleiter in KJVD-Gruppen, immer und bei allem dabei und vorneweg, voller Elan und Tatendrang...“ Irene hatte die Schule mit guten Zensuren abgeschlossen und wurde Stenotypistin. Als solche war sie bis 1930 in Handelseinrichtungen in Hamburg und Berlin tätig. Alsdann arbeitete sie in den Reihen der KPD und bis 1934 als Mitarbeiterin von Franz Dahlem. In die Illegalität gedrängt entzog sie sich der Verhaftung durch die Flucht in die Tschechoslowakei und nahm den Tarnnamen HELGA an. Nach einem zweijährigen Studium an der Internationalen Leninschule in Moskau siedelte sie 1937 nach Paris über und wurde dort Mitarbeiterin der „Deutschen Volkszeitung“. Diese Publikation war bekanntlich eine wichtige Waffe für den antifaschistischen Widerstand nicht nur in Frankreich, sondern auch für die illegale antifaschistische Bewegung in Deutschland selbst. Irenes Leben in Paris war so entbehrungsreich wie das ihrer vielen Kampfgefährten. Die französischen Behörden gewährten ihr zwar das Asyl als politische Emigrantin, aber keine Arbeitserlaubnis. Trotz dieser schweren Lage verlor sie nie den Mut. Luise Kraushaar, die Irene auch in der Pariser Zeit kennenlernte und bis zu ihrer Verhaftung in Marseille 1943 mit ihr zusammenarbeitete, erinnert sich: „Ich lernte Irene als HELGA kennen. HELGA fiel mir auf, weil sie so ein heiteres Wesen, ein so freundliches Lächeln hatte, ein so gewinnender Mensch war, zu dem man sofort Zutrauen fasste.“ Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden in Paris zunächst die deutschen Männer und danach die Frauen interniert, darunter auch Irene, Luise Kraushaar und viele andere. Sie wurden in den Süden Frankreichs transportiert. Irene, die in dem Lager Gurs eingesperrt war, tat alles Erdenkliche, um die Moral der Internierten zu stärken und ihnen Mut zu machen. Luise Kraushaar berichtet dazu: „Wir hatten in den Baracken überhaupt kein Schränkchen oder Tische, nur den Strohsack und weiter nichts ... Irene war ein unerhört geschickter und praktischer Mensch, die konnte einfach alles. Sie konnte wunderschön schneidern..., sie war eine hervorragende Sportlerin und trieb uns an, im Lager Sport und Freiübungen zu machen, auch wenn wir keine Lust hatten. Und sie baute uns einen Tisch aus Latten, die sie organisierte, auch für andere Frauen...“ Nach dem Einfall der Hitlerarmee in Frankreich und der Kapitulation 1940 gelang es Irene und weiteren Frauen, aus dem Lager zu entkommen und sich nach Marseille durchzuschlagen. Aber kaum aus dem Zug entstiegen, wurde sie sofort von französischer Gendarmerie festgenommen und erneut für mehrere Monate inhaftiert. Im November 1942 besetzten die deutschen Faschisten auch den Süden Frankreichs. In Marseille wimmelte es nur so von Wehrmachtsangehörigen. Die Aufgabe der deutschen Antifaschisten änderte sich nunmehr. Es galt jetzt, überall unter den Soldaten aufklärerisch zu wirken. Tausende von Zeitungen und Flugblättern wurden an sie verteilt - ein gefährliches Unterfangen. Irene wurde mit illegal beschafften Ausweispapieren ausgestattet, die sie als Marie-Louise Durand und Paulette Monier auswiesen. So nahm sie den direkten Kontakt zu deutschen Soldaten auf, suchte das persönliche Gespräch mit ihnen, um sie zum Nachdenken zu bringen und zu mahnen: „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen! Alle Waffen gegen Hitler!“. Die Soldaten wurden bei unverfänglichen Gelegenheiten angesprochen, auf der Straße, im Warenhaus. Die Frauen boten zunächst ihre Hilfe beim Übersetzen an, man unterhielt sich dann etwa über Themen wie Musik, Theater, Urlaub oder Wetter und verabredete sich erneut. Beim 3. oder 4. Treffen begann dann ein vorsichtiges Abtasten mit politischen Gesprächsthemen, um die Gesinnung des Soldaten zu testen. Irene hat wohl Hunderte solcher Gespräche geführt und dabei auch eine Reihe von Soldaten überzeugen können. Einige von ihnen, so auch der Autor dieses Beitrags, der durch mutige deutsche antifaschistische Frauen in Frankreich beeinflusst wurde, konnten für die Bewegung „Freies Deutschland“ gewonnen werden. Monate lang ging alles gut. Irene geriet aber eines Tages an einen deutschen Matrosen, der eine Zusammenarbeit mit ihr versprach, Flugblätter in Empfang nahm und sie anschließend an die Gestapo verriet. Der Matrose FRISCHALKOWSKI war ein Spitzel und gab am 3. 7. 1943 bei der Gestapo-Dienststelle zu Protokoll: „... Beim zweiten Treffen fing sie dann an über Politik zu sprechen und versuchte, mich über meine Einstellung auszuhorchen. Ich ging scheinbar auf ihre Einstellung ein, worauf sie eifrig zu erzählen anfing. Sie erkundigte sich auch, wie die Kameraden in politischer Hinsicht und besonders die Offiziere eingestellt sind und wie man bei uns über die heutige Lage denkt. Um Vertrauen bei ihr zu erwecken, erzählte ich ihr, dass ich früher schon der Kommunistischen Partei angehört habe und auch heute noch kommunistisch denke und handle... Den Namen der Frau habe ich bald erfahren; sie nennt sich Paulette Monier. Ihre Wohnung konnte ich bis jetzt noch nicht erfahren, weil sie mich nie bis zu ihrer Wohnung mitnimmt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es mir gelingen wird, noch mehr aus der Frau herauszubekommen. Über die weiteren Zusammenkünfte mit Frau Monier werde ich laufend berichten.“ Der Matrose erhielt von der Gestapo den Auftrag, die Beziehungen zu „Frau Monier“ weiter aufrecht zu erhalten. Irenes Widerstandsgruppe war sich in der Einschätzung dieses Matrosen nicht ganz sicher. Auch Irene überlegte immer wieder, ob mit diesem Mann alles in Ordnung war. Aber der Glaube an die Aufrichtigkeit, nicht das Misstrauen, sondern das Vertrauen in diesen Matrosen aus Hamburg siegte. Sie ging hin und als sie am Treffpunkt war, legte sich eine Hand auf ihre Schulter, die der Gestapo. Irene wurde sofort ins Verhör genommen und gab sich bei der Gestapo als Marie-Louise Durand aus. Durch den Augenzeugenbericht einer französischen Antifaschistin, die mit ihr zusammen inhaftiert war, wurde bekannt, dass Irene 3 Wochen lang unmenschlich geschlagen und gefoltert wurde. Die Gestapo wollte ihr die Namen ihrer Kampfgefährten entreißen. Irene schwieg. Die Standhaftigkeit, mit der sie die Gestapofolter ertrug, war damals Tagesgespräch in Marseille. Seither trägt sie den Ehrennamen „La Femme Allemande“, den ihr französische Patrioten liebevoll verliehen. Irene wurde in ihre Heimatstadt Hamburg überführt. Die weitere Vernehmung wurde durch den Gestapomann Teege vorgenommen. Alle weiteren Versuche, die Standhaftigkeit Irenes zu brechen, blieben erfolglos. Am 13. September 1944 wurde Irene vom Volksgerichtshof in Berlin wegen Vorbereitung zum Hochverrat unter Vorsitz des berüchtigten Nazirichters Freissler zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1944 in Berlin Plötzensee hingerichtet. In ihrer schwersten Stunde versicherte sie ihrer Mutter, „... ich bleibe unserer Sache treu!“

(Diesem Beitrag liegt eine Dokumentation zu Grunde, die Hamburger Freunde zur Verfügung stellten.)