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Wie war es damals wirklich?

Gerhard Dengler

In der letzten Zeit wurde ich in zunehmendem Maße von Berliner Gymnasien aufgefordert, im Geschichtsunterricht der 12. Klassen über mein bewegtes Leben zu berichten. Da die Schüler immer ein oder zwei Tage vorher den Fernsehfilm "Es begann in Eberswalde / Hans Borgelt und Gerhard Dengler - Zwei deutsche Journalisten" zu sehen bekommen, der ja unser Leben von der Schulzeit während der Weimarer Republik, über die Nazizeit und den Krieg bis in die Gegenwart nachzeichnet, ist die Spannbreite des Interesses bei den Schülern entsprechend weit gefächert. Bisher war ich überwiegend an Pankower Schulen wirksam.

Aber jetzt ist durch den großen Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" über mich und meine Erlebnisse in und nach Stalingrad, der erschienen ist, weil die XX. Berlinale mit dem Film von Jean-Jacques Annauds "Duell - Enemy at the Gates" über die Schlacht von Stalingrad eröffnet wurde, das Interesse auch in Westberlin wach geworden.

So war ich kürzlich am "Sophie-Charlotte-Gymnasium" in Charlottenburg bei einer Abendveranstaltung mit Schülern, Lehrern und Eltern eingeladen, die auch vorher den "Eberswalde-Film" zu sehen bekamen. Es schloss sich eine rege Diskussion an, bei der vor allem Lehrer und Eltern zu Wort kamen.

Es war eine ebenso interessante wie faire Aussprache, was in Westberlin angesichts meiner durch den Film dokumentierten politischen Einstellung nicht selbstverständlich war. Ein dort anwesender Lehrer aus Reinickendorf war so beeindruckt, dass er versuchen will, eine ähnliche Veranstaltung mit mir auch an seiner Schule zu organisieren.

Bei meinen jetzt so häufigen Auftritten in Berliner Schulen zeigt sich unter den Schülern, aber auch bei den oft noch jungen Lehrern ein sehr oberflächliches Wissen um die jüngere Geschichte, wobei - wie mir die Lehrer versichern - das Wissen um Mittelalter und Altertum fast völlig fehlt. Dabei ist vor allem für die Schüler durch ihr Leben in der Gegenwart vieles aus der Vergangenheit schwer verständlich.

Ich werde zum Beispiel sehr häufig gefragt, warum ich denn erst in Stalingrad mit Hitlers Krieg Schluss gemacht und selbständig kapituliert hätte. Dass es in der Nazizeit eine Wehrpflicht gab, der zu entziehen als krimineller Akt geahndet wurde, ist den Schülern unbekannt, die - soweit es die Jungen betrifft - überwiegend entschlossen sind, den Wehrdienst zu verweigern, um Zivildienst zu leisten.

 

Breites Interesse besteht auch für das Ende der Weimarer Republik und den Beginn der Naziherrschaft. Dass die Weimarer Republik nach der großen Finanzkrise von 1929 immer mehr in Agonie verfiel, dass schon Brüning ohne Parlament nur noch mit Notverordnungen regieren konnte und der Staat durch die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Antifaschisten, aber auch durch Korruption und andere Fäulnisprozesse immer mehr verfiel, so dass bis in das Bürgertum hinein nach "einem starken Mann, der endlich Ordnung schafft" verlangt wurde, ist unbekannt. Und immer wieder werde ich gefragt, wie es erklärbar ist, dass Hitler so schnell zu so großer Zustimmung in der Bevölkerung kommen konnte.

Aus ihrer heutigen Sicht über die Manipulierbarkeit der Menschen durch die Massenmedien halten sie die Goebbelspropaganda als Hauptursache für diese Zustimmung.

Dass Hitler bei seiner Machtergreifung mit sechs Millionen Arbeitslosen, aber auch sechs Millionen Wählern der KPD konfrontiert war und es ihm gelang, mit Ankurbelung der Rüstungsindustrie, mit Autobahnbau und Arbeitsdienst die Arbeitslosenzahl schnell zu minimieren, dass er das nationale Bürgertum mit der Liquidierung der Deutschland diskriminierenden Bestimmungen des Versailler Vertrages zu gewinnen verstand, dass er die Industrie mit der berüchtigten Rede vor dem Rhein-Ruhr-Club in Düsseldorf durch die Zusage hoher Rüstungsprofite und die Liquidierung der sie bedrohenden Kommunisten für sich gewann und schließlich die Reichswehr auf seine Seite zog, indem er ihren Forderungen nachkam, durch den "Röhmputsch" nach Entwaffnung der SA und der Zusicherung, die Armee als einzigen Waffenträger zu akzeptieren und auch die Reichswehr von jeder parteipolitischen Beeinflussung freizuhalten.

Dass Lehrer wie Schüler es so begrüßen, dass ihnen durch lebendige Darstellung der Geschichte durch Zeitzeugen vieles verdeutlicht wird, was sie bisher nur unvollständig oder verschwommen wahrnehmen konnten, ist für uns, die wir noch voll aussagefähig sind, Verpflichtung, alles zu tun, dass diese junge heranwachsende Generation "es besser als ihre Väter" macht und nicht wieder Opfer neonazistischer Rattenfänger wird.