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Sei still, Kind! Adolf spricht

 

(Rez. von Peter Gingold)

Rosemarie Killius: Sei still, Kind! Adolf spricht.

Gespräche mit Zeitzeuginnen. Militzke Verlag, Leipzig 2000,

geb., 256 Seiten, ISBN 3-86189-180-8, ab 1,80 €.

Rosemarie Killius: Sei still, Kind! Adolf spricht 

Fast in einem Atemzug habe ich es gelesen, die Gespräche mit Zeitzeuginnen. Bereits von den ersten Seiten war ich gefesselt. Darin schildert Rosemarie Papadopoulos-Killius - ihr Buch erscheint unter ihrem Mädchennamen Killius - was sie eigentlich bewogen hatte, unterschiedlichste Frauen, die gegen den deutschen Faschismus und den Hitlerkrieg kämpften, aufzusuchen, um dann die Gespräche mit ihnen in einem Buch festzuhalten. Eine Kindheitserinnerung, die sie sehr geprägt hatte.

 

In ihrem Gitterbett liegt sie schreiend, aufgeschreckt von einem widerlich, grässlichen Gebell aus dem "Volksempfänger": "Meine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter ließen wohl immer alles, was sie gerade in der Hand hatten, fallen und kamen ganz aufgeregt herbei und stellten sich um mein Paidibett herum, wenn er mit seiner schreienden, heiseren Stimme loslegte. Ich begriff, dass es vom Krieg handeln musste, was er sagte, und glaubte fest, dass dieser Mann mein Kriegspapa sei, denn sie sagten: "Sei still, Kind! Adolf spricht jetzt". Ihr Papa hieß Adolf Killius. Der aus dem Volksempfänger so krächzend brüllte, war also ihr Kriegspapa. Ihr Vater im Krieg gefallen, war er für sie verschwunden. Krieg, das war ihr Papa, der Mann im Krieg, Männer im Krieg.

Als sie in späteren Jahren sich mit dem blutigsten, schrecklichsten Abschnitt deutscher Geschichte befasste, Zweiter Weltkrieg, Nazideutschland, Widerstand, stieß es ihr auf, fast nur die Geschichte von Männern, kaum die der Frauen. "Hat der Krieg nicht auch ein weibliches Gesicht?" ist die Überschrift eines Kapitels. Aber warum so wenig über die Frauen im Widerstand, zumal die Autorin wusste, dass er doch undenkbar war ohne die Frauen. Hatten sie denn nicht oft die heikelsten, gefährlichsten Aufgaben übernommen, die sie als Frauen eher als Männer bewältigen konnten? Z. B. Materialien, Flugblätter, Waffen transportieren, Kurierdienste, Verknüpfungen herstellen, da wo sie durch Einbruch des Gegners unterbunden wurden, ja sogar unter den Angehörigen der Wehrmacht Hitler-Kriegsgegner auskundschaften, um sie zur Zusammenarbeit mit dem Widerstand zu gewinnen usw.

Jeder Schritt hierzu, einen solchen Auftrag zu erfüllen, war ein Todesrisiko. Widerstandskämpferinnen ausfindig machen, von denen es doch nur noch wenige Oberlebende gibt und alle im hohen Alter, sie erzählen zu lassen, all dies in einem Buch festzuhalten, diese Aufgabe hatte sich Rosemarie Killius vorgenommen. Es war nicht schwer, sie zu finden. Bei den Veranstaltungen der DRAFD fand sie solche Frauen. Sie nahm an Kongressen in der Ukraine, in Russland, in Polen teil, die sich mit der Erinnerung an diese Vergangenheit befassen und fand dort, was sie suchte. 26 Frauen hat sie befragt. Unterschiedliche Schicksale, unterschiedlich die Art ihres Widerstandes. Darunter Schorfschützen, Sanitäterin an der Front, während der Schlacht um Stalingrad mit dem Kind über die Wolga, die Jüdin im Lodzer Getto, dann in Auschwitz, in Bergen-Belsen, die junge Russin als Zwangsarbeiterin noch Deutschland verschleppt und dort auch eine Art des Widerstandes, Frauen und Töchter der Hingerichteten des 20. Juli als Geisel in KZ-Haft, die Jüdinnen an der Seite der französischen Résistance, Lilli Segal, auch Ettie, meine Frau. Sie alle damals jung, voller Lebenslust und Energie.

Weil sie das Leben und die Menschen liebten, ihr Hass auf das Unmenschliche, auf den Faschismus, auf Hitler, auf den Krieg. Sie, die keine Heldinnen sein wollten, aber doch wurden, die aus Überzeugung alles riskierten, Existenz, Freiheit, Folter und Tod. Ich finde es ganz wichtig, dass auch Zeitzeuginnen vorkommen, die als Kind oder Jugendliche unbefangen, wohl behütet in Nazideutschland aufgewachsen sind, vieles begeistert mitgemacht haben, sich dessen heute schämen. Jede Erzählung nimmt einen gefangen. Jedes Gespräch ist authentisch wiedergegeben. Eine Frau, die oft von deutsch auf jiddisch wechselte. Und von jedem ein Foto bei ihrem Gespräch. Bewundernswert, wie Rosemarie Killius sich an sie herantastete, sie bewegte, ihre Geschichte zu erzählen. Wie sie die Atmosphäre bei ihrem Gespräch beschreibt, wie sie sich in ihre Gesprächspartnerin einfühlte, behutsam bohrte, Antworten sozusagen heraus kitzelte, immer wieder nachfragte.

 

Wie dankbar müssen wir Rosemarie Papodopoulos Killius sein, die keine Mühe, keine Kosten scheute, die Geschichte dieser Frauen für die Nachkommen hinüber gerettet zuhaben. Drei von ihnen sind inzwischen gestorben. Wie viele Jahre noch und es wird keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr geben, von denen authentisch zu erfahren ist wie es war. Darum ist dieses Buch so kostbar. Es verdient eine große Verbreitung. Ach, wie würde ich es wünschen, dass es vor allem von Menschen der jungen Generation gelesen wird. Wer gerne ein Buch verschenkt, verschenke es an sie.