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X steht für unbekannt

 

(Rez. von Werner Müller)"Verräter" unterm Union Jack.

Peter Leighton-Langer: X steht für unbekannt. Deutsche und Österreicher in den britischen Streitkräften im Zweiten Weltkrieg. VERLAG Arno Spitz GmbH, Berlin, 1999, 313 Seiten, 26 Fotos, Pappband, 57 DM.

Ein Zeitzeuge berichtet.

 

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg hat, gerade auch in Deutschland, einen Umfang erreicht, der ganze Bibliotheken füllt. Dennoch sind über ein halbes Jahrhundert nach dieser zweiten humanitären Katastrophe, die der ersten von 1914 - 1918 auf dem Fuße folgte, noch immer bestimmte gewichtige Aspekte jener Zeit historiographisch "unterbelichtet" oder bilden schlichtweg "weiße Flecke".

 

Der Autor des vorliegenden Buches will eine dieser Lücken schließen: die Teilnahme von Deutschen und Osterreichern in den britischen Streitkräften im Zweiten Weltkrieg. Peter Leighton-Langer hätte als selbst Beteiligter den oft beschrittenen Weg einer autobiographischen Darstellung wählen können. Er hat sich jedoch für eine andere Methode entschieden, die freilich mehr Aufwand von einem Einzelnen erforderte, der zwar kein Historiker, aber natürlich historisch interessiert ist. Mit einem wahren Bienenfleiß hat er Selbst-Zeugnisse und Angaben über deutsche und österreichische Frauen und Männer gesammelt, die 1939 - 1945 unter dem Union Jack gegen die hitlerfaschistische Herrschaft über einen Großteil Europas kämpften, und so vielen Angehörigen seiner Generation ein ihrem Beitrag zum Sieg über die Menschheitsbedrohung durch die Nazis angemessenes Denkmal gesetzt.

Er konnte sich dabei auf zwei vorausgegangene Arbeiten zum Thema stützen: das Buch von Norman Bentwich "1 know the risks" von 1950 und die erst 1992 erschienene Studie "Mit Spaten, Waffen und Worten" von Wolfgang Muchitsch, die speziell der Einbindung österreichischer Flüchtlinge in die britischen Kriegsanstrengungen, wie es im Untertitel des Buches heißt, gewidmet war.

Leighton-Langer wie seine Vorgänger hatten dabei mit einer Schwierigkeit zu kämpfen, die sich auch im Titel des vorliegenden Buches widerspiegelt. X stand in vielen Fällen für unbekannt bei den ca. 10.000 deutschen und österreichischen Hitlergegnern und der 1943 zu ihrem Schutze eingeführte Namenswechsel aus dem Deutschen ins Englische machte die Suche nach den Teilnehmern, Toten wie noch Lebenden, außerordentlich kompliziert. Um so mehr ist die Akribie und Konsequenz lobend hervorzuheben, mit der diese schwierige Aufgabe unternommen wurde.

Der Autor gibt in den ersten 5 Kapiteln einen knapp gefassten Überblick über die Hintergründe der Bildung von Einheiten aus deutschen und österreichischen Emigranten in der britischen Armee. Der größere Teil aber bringt die Ergebnisse der Erkundungen und Befragungen über das Schicksal vieler dieser "Ehemaligen". So lernt der Leser eine Fülle von interessanten Lebensschicksalen kennen, in denen sich die Breite wie auch die Differenziertheit der antifaschistischen Bewegung von damals widerspiegelt.

Zu Recht wird meines Erachtens in der Einführung von Julius Carlebach Leighton-Langers Buch als eine "Fallstudie par excellence" bezeichnet, denn, wie es dort ebenfalls richtig heißt, es "erzählt eine faszinierende Geschichte von Männern und Frauen, deren Mut und Entschlossenheit einen großen Beitrag zum Erhalt der Freiheit . . . geleistet haben". Hinzuzufügen wäre, dass sich in diesem Kontext ein weiteres Mal der berühmte Hinweis von Karl Marx bewährt hat, Geschichte "ad hominem", am Menschen am wirkungsvollsten zu demonstrieren. Dafür, wie Autor und Verlag das Buch eingeordnet wissen wollen, war die Präsentation in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße der rechte Fingerzeig.