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Eine Langzeitlegende überzeugend entlarvt

(Rez. von Stefan Doernberg) 

Kurt Pätzold: Ihr waret die besten Soldaten,

Ursprung und Geschichte einer Legende, Militzke Verlag,

Leipzig 2000, 285 Seiten, 9,95 €.

Kurt Pätzold: Ihr waret die besten Soldaten. Ursprung und Geschichte einer Legende 

Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird immer wieder die Legende von der "ritterlichen" deutschen Wehrmacht aufgetischt, die getreu "soldatischen Tugenden" fair an ihrer Pflicht gegenüber dem Vaterland handelte. Durch Memoiren ehemaliger Generale, massenweise vertretene Landserhefte, Filme und nicht zuletzt Publikationen aus der Feder seriöser Forscher wurde dieses Bild lanciert. Kurt Pätzold setzt sich mit der Legende selbst, aber auch ihrem Ursprung und den Motiven jener auseinander, die sie bereits unmittelbar nach 1945 in die Welt setzten, in den Jahren des Kalten Krieges noch steigerten und an ihr auch heute in angepasster Form festhalten. Im Grunde läuft die Legende auf die Behauptung hinaus, es hätte keinen Aggressionskrieg gegeben, allein Hitler und einige wenige aus seiner unmittelbaren Gefolgschaft wären für die verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den geplanten und praktizierten Genozid verantwortlich.

 

Die staatsautoritäre Rechtfertigung der Legende erging von Konrad Adenauer noch im zweiten Jahr seiner Amtszeit als Bundeskanzler. "Der Prozentsatz derjenigen, die wirklich schuldig sind, ist so außerordentlich gering und so außerordentlich klein, dass damit der Ehre der früheren deutschen Wehrmacht kein Abbruch geschielt." Gerade die Berufssoldaten hätten nur Ihre Pflicht erfüllt Das schwer zu verhüllende Motiv dieser Erklärung im Bundestag war der Wunsch, auch Generale und andere höhere Offiziere am Aufbau der Bundeswehr wie an der gesamten Remilitarisierung zu beteiligen.

Geschichtsforschern in der Bundesrepublik es schwer, auch nur ein annähernd wahrheitsgetreues Bild über den Zweiten Weltkrieg, die Verantwortung unterschiedlicher Kreise der damaligen Eliten und der Wehrmachtsführung zu entwerfen. Arbeiten marxistischer Historiker nahmen sie nicht zur Kenntnis. Die Geschichtsforschung der DDR, die sich seit Ende der fünfziger Jahre verstärkt auch dem Zweiten Weltkrieg, seiner Vorbereitung und den Darstellungen im anderen deutschen Staat widmete, blieb tabu. Mit Recht macht der Autor in diesem Zusammenhang auch auf Unterlassungen und Mängel in der Geschichtsforschung der DDR aufmerksam, waren sie auch mit den generellen Tendenzen der bundesdeutschen nicht vergleichbar.

Zum Titel seines Buches hat Pätzold einen Ausspruch von Generaloberst Guderian, seit 1944 Chef des Generalstabs des Heeres, gewählt. Doch er wendet sich nicht nur gegen Jahrzehnte lang geförderte Zeitzeugen und Verantwortliche für Verbrechen, die erst durch die Wehrmacht und ihren Aggressionskrieg ermöglicht wurden. Das Buch ist von aktueller Bedeutung, dient doch jegliche Einstellung der über 50 Jahre zurückliegenden Ereignisse einem Wiederaufleben neuer Bedrohungen. Sei es die Teilnahme deutscher Soldaten an völkerrechtswidrigen Angriffen auf andere Staaten oder die Begünstigung neonazistischer Aktivitäten. Auch die im Anhang zitierten Dokumente atmen diesen aktuellen Bezug, obwohl 1945/46 sicher niemand daran gedacht hat.

 

In seinen Schlussbemerkungen weist Pätzold eindringlich darauf hin, dass die über Jahrzehnte verbreitete Legende auch heute ihren verderblichen Einfluss ausübt, gefördert durch die Medien und nicht nur durch diese. Der bewusste Knoten, den es zu durchschlagen gilt, befinde sich nicht am Rande der Gesellschaft, die von Politikern vorzugsweise als soziale Marktwirtschaft bezeichnet, von Kapitalisten aber häufig herkömmlich Kapitalismus genannt wird.